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Material für den Pädagogikunterricht

Drei Generationen türkischer Migranten in Deutschland

  1. Die ersten Gastarbeiter in den sechziger Jahren:
    Den ersten Anwerbe(!)-Vertrag mit der Türkei schloss die Bundesrepublik 1961 ab.
    Junge Männer aus Dörfern und kleinen Städten Anatoliens, die im Zuge der Landflucht in Slums ("Gecekondus") um Istanbul hausten - mit abgeschlossener türkischer traditioneller Sozialisation; Arrangement mit den fremden Normen und Werten in Deutschland, weil der Aufenthalt hier nur auf begrenzte Zeit geplant war. Gründe, dann doch nicht in die türkische Heimat zurückzukehren, waren die dortige Arbeitslosigkeit und die türkische Wirtschaftskrise der 60er und 70er Jahre; ein weiterer Grund hierzubleiben war die atraktivere Lebensperspektive hier - verglichen mit dem kargen Dorfleben in Anatolien oder der Armut in den Gecekondus war auch Duisburg-Marxloh noch "ok".
    Diese Generation lebte zunächst als anspruchslose, gebrauchte und insofern willkommene exotische Gruppe in den industriellen Ballungsräumen (Ruhrgebiet, Rhein-Main-Gebiet).
    Seit 1973 gibt es einen Anwerbestopp, nach dem nicht mehr junge Männer als "Gastarbeiter" kamen, sondern türkische Familien zusammengeführt wurden.
  2. Die Generation, die in Deutschland aufgewachsen ist und die jungen Intellektuellen, (Putsch in der Türkei 1980), die nach Deutschland gekommen sind:
    Widersprüchliche Sozialisation, weil unterschiedliche Werte in zwei Kulturen (zu Hause, in der Schule); charakteristisch war der Wille zum Erfolg durch Anpassung an das deutsche Werte-System (Beispiel: Vural Öger → Öger-Tours; mehrere Politiker, nicht nur bei den Grünen). Ergebnis war die Überschreitung des bisherigen Reproduktionsbereichs Industriearbeit; Schaffung einer eigenen türkischen Infrastruktur (Dienstleitung etc.), akademische Karriere. Diese Euphorie wurde gestoppt durch das "Rückkehrförderungsgesetz" von 1983.
  3. Die jetzigen türkischen Jugendlichen in Deutschland, Kinder der zweiten Migranten-Generation:
    Der Wille und die finanziellen und sprachlichen Möglichkeiten zum Aufstieg (Abitur, Studium) werden gebremst durch Ausländerfeindlichkeit (Mölln 1992: zwei türkische Mädchen und ihre Mutter sterben bei einem Brandanschlag, Solingen 1993: Tod von fünf türkischen Mädchen bei einem Brandanschlag; ähnliches in Hoyerswerda und Rostock); Zweifel am Gelingen des eigenen Erfolges entsteht auch wegen der andauernden Massenarbeitslosigkeit. Das 1991 verabschiedete neue Ausländerrecht ermöglicht allerdings dieser dritten Genration, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben.
    Charakteristisch ist der Umgang der jungen Türken von heute mit ihrer immer noch widersprüchlichen Sozialisation: Normen aus zwei "Welten"; mittlerweile gibt es Radiosendungen für (junge) Türken im WDR, durch Satellitenfernsehen und Internet ist direkter Kontakt mit der türkischen Kultur möglich.
    Eine mögliche Konsequenz des Umganges mit dem gebremsten Erfolg speist sich aus Resignation und der Suche nach Erfolg außerhalb der (aller) gültigen Normen ("Mehmet"), eine andere mögliche Konsequenz ist Akzeptanz einer doppelten Enkulturation, um so zum bürgerlichen Aufstieg (Studium, akademischer Beruf) zu kommen, eine dritte Möglichkeit ist der Erfolg z.B. im Sektor der türkischen Dienstleitung (d.h. die Orientierung an deutscher Sozialisation wird verworfen); weitere Möglichkeiten sind eher marginal (Sportkarriere; Politik ...). Der Weg "zurück" in die Türkei wird offenbar nicht als Option angesehen.

Nachtrag
Im Jahr 2004 sind von den 82,5 Mio. Deutschen etwa 0,85% Menschen mit türkischem Migrationshintergrund und deutschem Pass (700.000). Berücksichtigt man den deutschen Pass nicht, leben hier 2,2 Mio. Türken, das sind 3,03% der Gesamtbevölkerung. Somit haben etwa 28% der in Deutschland lebenden "Türken", also gut ein Viertel von ihnen, mittlerweile einen deutschen Pass, sind Deutsche. In Gelsenkirchen (272.000 Einwohner) leben 7,35% Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (20.000).


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© Michael Kraus, 15. Oktober 2003