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Material für den Pädagogikunterricht

Türkei, Normen und Werte in der traditionellen türkischen Familie, türkische Migration

 
Politik   Wirtschaft   Gesellschaft   drei Generationen von türkischen Migranten

Das Folgende ist ein Exzerpt aus: Informationen zur politischen Bildung, 4. Quartal 2002, hg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich bei ihrem Länderbericht wiederum auf das Zentrum für Türkeistudien gestützt hat.

1. Geopraphie
Anatolien ist ein trockenes Hochland mit geringer Bevölkerung. Es gibt nur zwei größere Flüsse; die fortwährende Wasserknappheit soll durch große Stausee-Projekte behoben werden.

2. Geschichte
Die heutige Türkei ist das historische "Kleinasien" mit einer Jahrtausende alten Kultur (Hethither: vermutlich früheste menschliche Stadtgründung vor ca. 5000 Jahren); griechische Siedler setzen sich ab dem 13. Jh. v. Chr. im vorderen Kleinasien fest (→ Troja); Zu Beginn unserer Zeitrechnung wurde dieses griechische Kleinasien von Rom unterworfen, nach dem Untergang (West-)Roms (ca. 400 n. Chr.) benannte sich dieses Reich nach seiner Hauptstadt Byzanz: ein christlich-orthodoxer Staat mit Griechisch als Amtssprache.
Ende des 11. Jh.'s begann die Besiedlung Kleinasiens durch nomadisierende Turkstämme aus der Mongolei; diese waren Moslems.
Exkurs: Gründung des Islam durch Mohammed (um 600 n. Chr.): Gemäß dem Islam sind Religion und Staat ein untrennbares Ganzes, Muslim zu sein heißt immer auch politisch tätig sein, alles politische Handeln muss sich am Koran orientieren. Nachfolger Mohammeds waren die sog. Kalifen.
Seit der Eroberung Bagdads (um 1050) und Ägyptens (um 1500) beanspruchte das Osmanische Reich auch in religiösen Dingen eine Führungsrolle in der islamischen Welt.
1453 eroberten die Türken ("Osmanen" nach Osman, dem Ahnherr der osmanischen Dynastie) Konstantinopel (seit dem oströmischen Kaiser Konstantin hießt Byzanz so) und nannten die Stadt Istanbul (griech. Wortkern). Christen und Juden genossen im osmanischen Reich den Status einer eigenständigen Gemeinde.
Um 1550 erlangte das osmanische Reich seine größte Ausdehnung: weit über den Balkan nach Westen bis vor Wien, Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer, Eroberung von Ägypten und Tunis. Die Seidenstraße, Jahrhunderte lang DER Ost-West-Handelsweg, führt von China bis Istanbul. Europa war in diesen Jahren durch Reformationskriege geschwächt. Anerkennung durch Frankreich. (Mehrere türkisch-arabische Begriffe signalisieren heute noch die Vorstellung von Pracht und Reichtum: "Angora" → Ankara, "Diwan" ...).
Nach diesem Gipfel der Macht zerfiel das Osmanenreich. Gründe: Die sog. Entdeckung Amerikas brachte das geraubte Gold der Azteken und Inkas nach Europa, seit der Renaissance begann die Akkumulation von Handels-Reichtum in italienischen Städten (Venedig, Genua...) und damit der Ausbau von Handwerksbetrieben zu großen Manufakturen. Die Weiterentwicklung erfolgte unter Ausnutzung von Erfindungen und Entdeckungen (Dampfmaschine, später Handhabung von Elektrizität, Benzinmotor...) als Kapitalismus/Industrialisierung in England, Deutschland, Frankreich. Demgegenüber erwiesen sich die Beutezüge der Osmanen als wenig profitabel und zunehmend unergiebig, der Welthandel suchte sich um Afrika oder Südamerika neue Wege. Zudem war die Übernahme von europäischer Technik vom Islam aus geächtet. Der endgültige Abschied vom Status einer Weltmacht geschah ab 1700: militärische Niederlage in Österreich, wachsender Einfluss Russlands, Englands, Preußens und Österreichs im osmanischen Reich; Abfall des Balkans. Das führte zu forschreitender Zerstückelung des Landes, 1875 Staatsbankrott, 1818 Kapitulation.

 
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3. Politik
Mustafa Kemal (zunächst General, "Atatürk" = Ehrenname: Vater aller Türken) errang einige militärisch Erfolge gegen die Siegermächte des 1. Weltkrieges (England, Frankreich, Griechenland) und rief 1923 die türkische Republik aus. Seine politischen Maßnahmen waren nichts weniger als eine Kulturrevolution, ein Umsturz sämtlicher Normen (!) und Sitten, die Jahrhunderte lang fraglos gegolten hatten, und die bis heute nicht vollständig durchgesetzt wurde:

Politisches Ziel war ein starker, westlich orientierter, türkischer Staat. Die Trennung in eine osmanische Regierungselite und ein nicht weiter wichtiges (Bauern-)Volk wurde strikt verworfen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Türkei Mitglied der UNO und NATO, die Türkei ist engster und wichtiger Bündnispartner der USA. - Die Meerenge des Bosporus und der Dardanellen stellt bis heute den einzigen ganzjährig eisfreien Zugang Russlands zu den Weltmeeren dar.
Seit der Zeit des Kalten Krieges wird die türkische Politik charakterisiert durch einen häufigen Wechsel der Regierung, vorgezogene Neuwahlen, Militärputsche; es gibt fast zwei Dutzend Parteien, die immer wieder verboten und neu gegründet werden. Der Motor dieser Instabilität war (ähnlich Italien) die von den USA geforderte militärische Funktion des Landes als Vorposten gegen die Sowjetunion - und wegen der dabei fälligen Ausrichtung des Staats-Haushaltes und der Innenpolitik die ständige "Strapazierung" der Bevölkerung (Niederschlagung von Unruhen, Verletzung von Menschenrechten, Zensur...). Dazu kommt noch der Ehrgeiz der türkischen Regierung(en), wirtschaftlich mit anderen europäischen Ländern mitzuhalten, was zu enormen Inflationsraten führte.
Wieder ähnlich wie in Italien gibt es (Stand: 2003!) eindeutige Hinweise, dass in der Türkei Politik, organisiertes Verbrechen und Geheimpolizei/Militär seit Jahren durchaus zusammenarbeiten (Tansu Ciller). Dazu gehören ständige Korruptionsvorwürfe und -fälle, die von türkischen Menschenrechtsvereinen publiziert werden.

 
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4. Wirtschaft
Die Türkei ist reich an Bodenschätzen und seit den 20er Jahren (→ Atatürk, Gründung der Republik) in der Ernährung der Bevölkerung autark: Die Türkei muss keine Nahrungsmittel einführen.
Die Industrialisierung der Türkei erfolgte seit den 20er Jahren (→ Atatürk) durch staatliche Investitionen. Die Aufblähung dieser Staats-Investitionen, um mit europäischen Waren konkurrieren zu können, führte zu einer enormen Inflation (1994 = 150%!, 2003 etwa 30%).
Der Dienstleistungssektor (→ Tourismus!) erbringt 2003 zu etwa 50% das Bruttosozialprodukt, die Landwirtschaft (die Türkei ist Weltmarktführer bei Haselnüssen; Baumwolle) trägt zu etwa 15% dazu bei, die Industrieproduktion (Textilien, Leder, Keramik) zu etwa einem Viertel. Diese Anteile sind seit einigen Jahren stabil. Der größte Teil der Industrieproduktion erfolgt im Westen, im Großraum Istanbul - Izmir.
Die starke Abhängigkeit vom speziell deutschen Tourismus ist für die Türkei riskant: dramatische Umsatzeinbrüche bei politischer Unsicherheit.
Offensichtlich ist die Türkei kein "Agrarland"!

Stand der Wirtschaftsentwicklung 2007: seit 2003 Exportsteigerung um 240%, Steigerung des Bruttoinlandsproduktes um 122%, jährlich steigend um 7,4%. Die Türkei steht 2007 auf Platz 17 der größten Volkswirtschaften der Welt, also vor Österrreich, Norwegen, Indonesien, Dänemark, Südafrika, Israel, Neuseeland, in die EU einbezogen würde sie dort 2007 auf auf Platz 6 stehen.

 
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5. Gesellschaft
Die Türkei hat 2007 etwa 70 Mio. Einwohner. Die Türkei ist entgegen der Staatsräson von Atatürk und auch entgegen der Ahnungslosigkeit deutscher Nationalisten kein Staat mit homogener Bevölkerung: Neben Türken gibt es Reste der Armenier, es gibt Kurden, daneben kleinere Gruppen in den Grenzgebieten (Georgier, Lasen, Araber, wenige Griechen ...); außerdem gibt es Angehörige nicht-islamischer Religionen und damit Kulturen: Juden, Griechisch-Orthodoxe, Aramäer ...; Menschen dieser Gruppen verwahren sich oft scharf dagegen, als "Türken" bezeichnet zu werden. Auch die türkischen Moslems teilen sich auf: in streng Gläubige (Sunniten) und Liberale (Aleviten). Zwei Drittel der türkischen Bevölkerung leben heute in Städten. Diese Entwicklung, nämlich eine enorme Landflucht, ist relativ neu, d.h. Normen und Gebräuche der Landbevölkerung wurde durch die Landflucht in Slums und Vorstädte (Hochhäuser) mitgebracht. Die Landflucht und umgekehrt die Ballung in den Städten erfolgt von Osten nach Westen (und in die Touristenzentren an der Südküste). Istanbul hat 2003 vermutlich 13 Mio. Einwohner.
Die Türkei ist ausgesprochen jung: Jeder dritte Türke ist heute unter 15 Jahre alt, das Durchschnittsalter beträgt 28 Jahre, in Deutschland 2007: 41 Jahre. In Kombination mit Problemen, auf dem Weltmarkt erfolgreich zu konkurrieren, ist eine Folge dieses "Jugendüberschusses" ein scharfer Mangel an Studien- und Arbeitsplätzen - mit entsprechenden sozialen Problemen. Es gibt keine Arbeitslosenversicherung. Zu Beginn der 60er Jahre gab es einen Anwerbevertrag der Bundesrepublik mit der türkischen Republik. - ... - Seit 1973 gibt es einen Anwerbestopp. - Siehe dazu: drei Generationen türkischer Gastarbeiter und Migranten in Deutschland.
Erst 1997 wurde die bis dahin fünfjährige "Volksschule" auf acht Jahre erweitert. Seitdem wurden Islam- und Koranschulen der staatlichen Aufsicht unterstellt.

 
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© Michael Kraus, 15. Oktober 2003
Wirtschaftsdaten aktualisiert im November 2007