Material für den Pädagogikunterricht
Die Shell-Jugendsudien
- 1952 gab es die erste Shellstudie zur Jugend (SJ). Sie zielte auf Jugendliche, die im Krieg geboren oder zur Nazi-Zeit Kinder gewesen waren. Kanzler Adenauer hatte West-Deutschland politisch in den Westen integriert, mit Mitteln des US-amerikanischen Marshall-Planes "brummte" der Wiederaufbau, zumal die Bevölkerung nach den Bombardierungen keine besonderen Ansprüche stellte. "Jugend zwischen 14 und 25" hieß die erste Jugendstudie und wollte einen "Beitrag zur Beurteilung der geistigen und seelischen Situation der deutschen Jugend" (SJ 1952) leisten. Die Fragen nach Stand und Gelingen von Sozialisation wurde angeblich auch "aus der Jugendarbeit" gestellt (siehe das "Halbstarken"-Thema). Zumindest in den Großstädten waren sich Wirtschaft und Politik nicht sicher, ob die Jugend auf einem brauchbaren Weg sei.
Die Methode, mit gänzlich uneigennützigem Engagement als Konzern dann doch ganz eigennützig Reklame für das eigene gesellschaftliche Engagement zu machen, kam sicher erst später. Anfangs wollte Shell - ganz ohne Beeinflussung der Sozialwissenschaftler - einfach wissen, was mit der Jugend los ist; und das hat man dann allgemein veröffentlicht.
In den 50er Jahren galt die empirische Befragung der Jugendlichen im Alter von weniger als 15 Jahren noch als "allzu riskant" (Rückblick der SJ 1977); die Frage an einen Jugendlichen, ob er denn die Norm xy für gültig erachte, galt wohl deshalb als heikel, weil der Jugendliche ja womöglich einfach auf Grund der Frage auf einen dummen Gedanken kommen könnte. 1965 wurden erstmals die 14-Jährigen, 1975 die 13-Jährigen befragt, "jedesmal mit gutem Erfolg" (SJ 1977, Bd. I, S. 199). - 1965 und 1977 war Thema der Shell-Studien "die Eingliederung der Jugend in die Welt der Erwachsenen", also auch die Frage nach dem Gelingen von Sozialisation.
- Zu diesem Thema gab die Shell-Studie 1977 deutlich Entwarnung: "Die Grundwerte wie Leistungsorientierung, Verlässlichkeit, eheliche Treue, höfliches Benehmen oder Sparsamkeit werden aber (!) mehrheitlich auch im Jugendalter bejaht." - Allerdings: "Das Sozialisationssystem befindet sich in einer tiefgreifenden Wandlung (...) Numerus Clausus und fehlende Ausbildungsplätze führen im Zusammenwirken mit dem Bewusstsein der Rezession und Arbeitslosigkeit zu verbreiteten Unsicherheiten." Und: "Daraus ergibt sich ein bedrückender Konkurrenzkampf um die formale Erfüllung der zu besseren Lebenschancen berechtigenden Bildungsplätze." (SJ 1977, Bd. 1, S. 17)
- Die Frage nach "Lebenszielen" hatte 1977 mehrere Antwortvorgaben:
1. Ich habe keine großen Ziele, es reicht, wenn ich mein Auskommen habe.
2. Ich möchte ganz gut leben können, aber auch noch genügend Zeit für meine Hobbies übrig behalten.
3. Ich möchte eine interessante Tätigkeit ausüben, die meinen Neigungen entspricht.
4. Ich möchte gut verdienen.
5. Ich möchte eine verantwortliche Position mit hohem Ansehen einnehmen.
6. Ich möchte einen krisenfesten Arbeitsplatz erhalten.
Die meisten nannten Ziel 3 (42%); diese Nennung wurde aber etwas zurückgenommen, je älter die Jugendlichen wurden (35% der 22-Jährigen). - Wohin gingen - angeblich - die Jugendlich 1977, wenn sie "irgendwelche Sorgen oder Nöte" hatten?
Vorgegeben war: Eltern, Geschwister, Lehrer, Pfarrer, Bekannte/Freunde, Parteifreunde, Vereinskollegen, andere, ich habe niemanden, ich weiß nicht/es kommt darauf an.
Am weitaus häufigsten wurden die Eltern genannt (bei den 12-Jährigen von 73%, bei den 22-Jährigen von 38%). - Als Möglichkeit, wie man 1977 die Freizeit verbringt, war vorgegeben:
Handarbeiten/Werken, Weiterbilden, Geselligkeiten, Musik hören, Lesen, Wandern, Sport treiben, Fernsehen, Besuch von Sportveranstaltungen, Besuch kultureller Veranstaltungen.
Bei den Mehrfach-Antworten nannten alle Jugendlichen zu 70% oder mehr Musik hören, danach Fernsehen, an dritter Stelle Lesen (59%). - Fanden die Jugendlichen 1977 "unsere Gesellschaftsordnung" gerecht?
Da meinte doch mehr als die Hälfte, dass hier "Menschen benachteiligt" werden, bei den 17-Jährigen waren es gar 65%. - Die heute von Shell im Rückblick eitel "legendär" genannte Studie "Jugend 81" versuchte etwas Neues: Was wollen Jugendliche erreichen, was erwarten sie von der Zukunft und der Gesellschaft, wie drückt sich Jugendkultur aus? "Wir (die Wissenschaftler; MK) versuchen dabei den Blickwinkel des ängstlich-besorgten Erwachsenen zu vermeiden."(JS 81, Bd. 1, S. 15) Die Jugendforscher (ein neuer Beruf!) stellten fest:
- Es hat sich eine Art Kündigungsrecht der Jugendlichen gegenüber ihren Eltern herausgebildet: "Ich hab die Nase voll, ich will wegziehen"; zweitens wird der exklusive Zugang der Erwachsenen zu diversen Genüssen und Privilegien (Sexualität, rauchen, Alkohol, "Orte kommerziellen Vergnügungslebens") aufgebrochen und - drittens - die Gültigkeit von Erziehungszielen und Lebensstilen der Erwachsenen wird bestritten.
- Angesichts dieses Befundes werden zwei neue Begriffe kreiert: "Jugendzentrismus" und "Post-Adoleszenz"; Post-Adoleszenz soll heißen, dass die Jugendlichen sich aus der Vormundschaft der Erwachsenen lösen, aber noch nicht ins Erwerbsleben oder die verbindliche Schlussphase des Studiens einsteigen, sondern ein Stadium dazwischen pflegen, in der eben spezielle Lebensstile der Jugend gelten ("anders leben"; Wohngemeinschaften, wechselnde Studiengänge, Verzicht auf zielstrebiges Studium, Reduzieren des Kontakts zur Welt der Erwachsenen).
- Und so sahen dann auch die Fragen aus (Vorgaben und Frage nach "stimmt / stimmt teils-teils" usw:
Junge Leute haben oft die größten Schwierigkeiten mit den Bullen - bloß wegen ihres Aussehens
Wir jungen Leute werden als kriminell angesehen, nur weil wir zufällig gegen ein paar Gesetze verstoßen, die sich irgendwelche Greise ausgedacht haben
In dieser Gesellschaft erlebst du überall eine Feindseligkeit gegen uns Junge, die dich total fertig macht (S. 622).
Die Bewertung hielt sich übrigens in Grenzen: von "teils-teils" (um 30%) bis "stimmt nicht" (um 20%). Umgekehrt meinten 75% der Befragten, dass sie Erwachsene kennen, die sie "echt gut" finden - und "Mich kotzen die älteren Leute alle an und ich mache, was ich will" ist die Meinung von 2% der Befragten. - Was bleibt von der Punk-Bewegung?
Die Shell-Studie 1985 "bescheinigt den Erwachsenen (!) mehr Bescheidenheit / Selbstbewusste Jugend zwischen Toleranz und Öko-Pessimismus" (SZ vom 27.9.1985) - Der Jugendbericht der Bundesregierung 1990 schließlich entscheidet: "Die Null-Bock-Mentalität ist vorbei".