Material für den Pädagogikunterricht
Rollentheorien - kritischer Abriss
Parsons, Mead, Krappmann
- soweit im Ergänzungsband Zentralabitur, NRW,
Cornelsen-Verlag 1200738, 2005, vorgestellt -
1.) Parsons
Talcott Parsons (1902 - 1979); Hauptwerk "The structure of social action" (1937).
Parsons vertritt, polemisch gesagt, eine Knopfdruck-Vorstellung. Wie oder wieso funktionieren die USA oder Deutschland (oder das Aztekenreich oder die Fiji-Inseln im 19. Jahrhundert)? Weil in der Sozialisation Wertmuster und Verhaltenserwartungen internalisiert werden, wobei diese Wertmuster und Verhaltenserwartungen von der Gesellschaft (von der man im Weiteren keinerlei Besonderheiten, keine spezifischen Zwecke erfährt) definiert werden. "Parsons versucht mit der Sozialisation aus der Perspektive der Gesellschaft einen Teil [Druckfehler: 'Tüll'; MK] der Mechanismen zu erfassen, die zur Strukturerhaltung und Integration sozialer Systeme beitragen" (S. 37): Mechanismen tragen dazu bei, dass eine, irgendeine, Gesellschaft funktioniert. In Parsons klassischer Rollentheorie ist eine Interaktion zwischen Individuum und Gesellschaft nicht vorgesehen.
Wie werden aus diesen äußeren Zwängen, denn darum handelt es sich, innere? Durch Gratifikation, also Belohnung, oder genauer "Manipulation der Gratifikation" (S. 37) erreicht es die Gesellschaft mittels der Sozialisatoren, gemeint sind Eltern, Lehrer u.a., dass das Kind die besagten Wertmuster und Verhaltenserwartungen verinnerlicht, internalisiert zu eigenen Motivstrukturen und eigenen Verhaltensdispositionen. So verwandeln sich äußere Zwänge in "innere Steuerung" (S. 37). Wichtig ist hier also, dass diese Anpassung nicht so zu verstehen ist, als ob Parsons Manipulations- und Terror-Modelle a la Orwell ("1984") bevorzugen würde. Das Besondere ist ja gerade, dass die gesellschaftlichen Erwartungen so verinnerlicht werden, dass sie zu höchst eigenen, ganz individuellen Verhaltensregulierungen werden, zum Inhalt des eigenen, selbstverständlich freien Willens. Von Einschränkung der Freiheit und unterdrückter Persönlichkeitsentwicklung wollte Parsons gewiss nichts wissen, er war bekanntermaßen ein Apologet der USA.
Warum sollte ein Kind so etwas mitmachen? - Kinder sind für Parsons zunächst einmal triebgesteuert, er bezieht sich da (laut Ergänzungsband) auf die freud'sche Phasen- und Instanzenlehre. Durch erste Frustrationserlebnisse einerseits und Identifikation mit den Interaktionspartnern, also den Eltern, andererseits passt das Kind sein Verhalten nach und nach den mit Gratifikationen versehenen Erwartungen an. Sollte da etwas nicht klappen, d.h. sollte es "neue Möglichkeiten des Verhaltens" (S. 37) geben, dann betreibt der Sozialisator eine "Selektion" (S. 37) dieser Möglichkeiten - und die Verinnerlichung des Gewünschten "wird im Sinne eines 'Lernerfolges' verstanden" (S. 37).
Die Knopfdruck-Vorstellung wird so zusammengefasst: Die Theorie Parsons "zeigt einen Ablauf, der in Ausnutzung der Plastizität des Verhaltensorganismus [gemeint: das Kind; MK] und seiner triebgestützten sozialen Abhängigkeit zu einer als gesellschaftlich erwünscht gedachten Selbstregulierung im Sinne der Anpassung führt." (S. 38). Parsons nimmt also durchaus zur Kenntnis, dass sich Individuen abweichend verhalten. Darauf zielen ja seine Ausführungen zur Anpassung an die gesellschaftlichen Standards.
Merke: In der Theorie von Parsons dient Sozialisation dazu, dass das Individuum dazu beiträgt, die Struktur der Gesellschaft zu erhalten.
Diese Theorie ist erklärtermaßen eine Apologie der bürgerlichen Kleinfamilie: Papa und Mama leben gesetzeskonform und erziehen ebenso ihr Kind. Nicht erklärbar sind unvollständige und wechselnde Familienkonstellationen, nicht erklärbar sind Verwahrlosungen aller Art. Vor allem ist nicht erklärbar, wieso sich gelegentlich ganze Gesellschaften eben nicht als in sich ruhende Abfolge von Sozialisatoren und Sozialisanden aufführen und die tradierten Wertmuster weitergeben, sondern alle bisher geltenden Werte über den Haufen werfen (Paris 1789, St. Petersburg und Moskau 1917, Teheran 1979, Berlin 1989 usw.), wieso mitunter größere Teile der Jugend sich der Sozialisation entziehen (Hippies 1967, Punks um 1980), kurz: wieso es eine Geschichte gibt. Dass Kinder und Jugendliche weniger von den Eltern lernen und mehr von ihresgleichen oder aus dem Fernsehen, ist bei Parsons auch noch nicht vorgesehen.
Im Ergänzungsband wird Parsons Theorie angereichert mit einem Exkurs zu Freuds Theorie der drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich und mit einigen Andeutungen zu Eriksons Modell der Identitätsbildung im Durchgang durch Krisen in verschiedenen Entwicklungsstufen.
2.) Mead*
George Herbert Mead (1863 – 1931), Hauptwerk: "Mind, Self and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist" (1934 postum).
Mead hat seine Theorie (ähnlich wie Freud) immer wieder umformuliert. Es ist "nicht einfach, sich in dem Werk zurechzufinden ... manches fehlt ... unverständlich" (S. 40). Wie auch Parsons geht es Mead um die Frage, wieso "Gesellschaft", die auch bei Mead nicht weiter bestimmt wird, funktioniert.
Zeichen, Gesten, Symbole
Mead setzt ein mit Betrachtungen zu Zeichen und Gesten, von denen vor allem Gesten interessant sind: Gesten sind gesellschaftlich vereinbart, sie haben in diesem Sinne eine Bedeutung, "sichern Kommunikation, indem sie passende Reaktionen auslösen" (S. 41). Man kann sich das am Grüßen veranschaulichen.
Wenn Gesten über eine konkrete Situation hinausgehen und einen allgemeinen Sinn haben, dann nennt Mead sie Symbole. Gesten und Symbole müssen interpretiert werden, d.h. ihr Sinn, ihre Bedeutung ist nicht unmittelbar klar, wie es etwa noch im Schütteln der Faust vor der Nase des anderen der Fall wäre.
Wenn bei aller Interpretation die Bedeutung eines Symbols in einer Gesellschaft gleich ist, dann spricht Mead von signifikanten Symbolen. Die wichtigsten signifikanten Symbole sieht er in der Sprache. "Durch Sprache unterscheidet sich der Mensch vom Tier essentiell. Denken kann nur durch signifikante Symbole stattfinden." (S. 42) Und: "Sprache ist die höchstentwickelte Form der Kommunikation. In der Sprache sind die kollektiven Erfahrungen einer Gesellschaft gespeichert. Sie ist Träger intersubjektiv geteilten Wissens und versorgt uns mit den Erklärungen für Situationen, wie wir sie normalerweise erleben." (S. 43)
Durch Interpretation von Gesten und Sprache des anderen wird es mir, so Mead, möglich, den Erwartungen des anderen gerecht zu werden. Die "Fähigkeit, von der Position des Anderen aus zu denken, nennt Mead Rollenübernahme" (S. 43). An dieser Stelle setzt Mead die Notwendigkeit, die Erwartungen des anderen zu interpretieren, mit dem Interesse, seinen Erwartungen auch gerecht zu werden, gleich. Das heißt, Mead unterstellt ein allgemeines Interesse am Funktionieren "der Gesellschaft", alle verfügen über Empathie und übernehmen ihre Rollen. - Aus der Tatsache, dass ich verstehe, was du meinst, folgt aber nicht notwendig, dass ich mich auch an deine Erwartungen halte. Es sei denn, wir beide wollen, dass ein gemeinsames Projekt gelingt. Der Schulalltag liefert beliebig viele Veranschaulichungen dafür.
Diese Unterstellung, dass die Bürger sicher das wollen, was sie auch sollen, zieht sich von Parsons her auch bei Mead durch: "Im Prozess der Rollenübernahme geht es aber nicht nur um Interaktion, sondern auch um Identität, denn indem ich mir Standpunkte und Haltungen der Anderen mir gegenüber klar mache, löse ich diese Standpunkte und Haltungen auch in mir selbst aus." (S. 45)
Empathie, Rollenübernahme und Identität
Aus der Empathie in Verhaltenserwartungen, leitet Mead ab, entstehe Identität. Das heißt nicht, ich bestimme mit meinen Interessen und Zielen, was ich bin, sondern ich bin das und will auch das sein, was andere von mir erwarten. "Das Individuum wird sich seiner Identität erst bewusst, wenn es sich mit den Augen der Anderen sieht." (S. 46) Diese Identität nennt Mead self. Die anderen wiederum tun dasselbe, so dass ein "Spiel der wechselseitigen Übernahme der Rolle Anderer und der daraus sich ergebenden gemeinsamen Handlungen" (S. 46) entsteht.
Mead stellt sich Gesellschaft vor als Empathie und Rollenübernahme von Gleichen, alle haben ein Interesse am Funktionieren der Gesellschaft; Zwänge und übergeordnete Interessen, Sieger und Verlierer kommen bei ihm nicht vor. Sondern "Identität und Interaktion spielen also ständig ineinander" (S. 46).
Identität im play und game
"Mit play bezeichnet Mead das Rollenspiel des Kindes." (S. 46) Es ahmt die ihn in seiner Sozialisation umgebenden Personen konkret nach (z.B. "Vater, Mutter, Kind spielen"). Diese Bezugspersonen sind für das kleine Kind die "signifikanten Anderen", man könnte auch sagen: die konkreten anderen, es ist die Rollenübernahme im "sozialen Nahbereich" (S. 47), also zu Hause, in der Familie, im Bereich der unmittelbaren Bezugspersonen. So gewinnt das Kind seine erste Identität im play, in der Rollenübernahme seiner Mutter, seines Vaters, der Kindergärtnerin u.ä. Auf dieser Stufe der kindlichen Entwicklung erfolgt also noch keine Verallgemeinerung der Rollenerwartung und der Bezugspersonen. "Im freien (Rollen-) Spiel lernt das Kind, sich auf andere Identitäten einzulassen. Auf diese Weise bekommt es nicht nur ein Gefühl für die Rolle der Anderen, sondern auch ein Gefühl für sich selbst, denn es vergewissert sich der Reaktionen der Anderen auf sein Verhalten und seiner eigenen Reaktion auf das Verhalten der Anderen" (S. 47) Die kindliche Identität ist eine gespiegelte Identität, sie besteht aus dem, was andere, die Bezugspersonen des Kindes, in es hineingelegt haben.
Im game lernt das älter gewordene Kind "die organisierte Gemeinschaft oder gesellschaftliche Gruppe" (S. 48) kennen, also die generalisierten Anderen. Das etwa zehnjährige Kind kennt jetzt nicht mehr nur seine Lehrerin, sondern viele unterschiedliche Lehrer. Es lernt auch unterschiedliche, andere Mütter kennen. Die Rollenübernahme verlangt dem älteren Kind und dann dem Jugendlichen ab, dass es oder er "die vielen Haltungen der Anderen und seine Haltung ihnen gegenüber zu einem Ganzen organisieren" (S. 48) muss. Die quantitative Veränderung, dass die Zahl der Bezugspersonen steigt, führt also zu der qualitativen Veränderung, dass das Kind in seiner Entwicklung lernt, die Erwartungen anderer zu verallgemeinern ("Erwachsene sind eben so"). Das ältere Kind und dann der Jugendliche muss sich "das Prinzip des Handelns aller Beteiligten klar" (S. 48) machen. Ohne Empathie auf erweiterter Stufenleiter geht das nicht. Wenn dem Jugendlichen dies gelingt, dann befindet er sich im game.
Der Jugendliche orientiert seine Identität und damit sein Handeln nun längst nicht mehr an seiner Mama, sondern er kennt die Erwartungen seiner Eltern, mehr noch, der Erwachsenen, er weiß, dass andere Mütter "anders drauf" sein können, kennt insgesamt die Erwartungen der Gesellschaft an ihn - und, so Mead, geht darauf ein ("Interaktion"), bildet aus diesen Erwartungen und der entsprechenden Rollenübernahme seine Identität. "Der generalisierte Andere ist das Bild, das 'man' in einer Gesellschaft von einer bestimmten Rolle oder einem bestimmten sozialen Zusammenhang hat." (S. 48) "Die Endstufe dieser Entwicklung ist dann erreicht, wenn das Individuum die Rolle, die Perspektive nicht nur einer konkreten Person, sondern letztlich auch einer Organisation wie Staat einnehmen kann. Und dann sehe ich, wie ich auf eine Situation nicht als ich selber reagiere, sondern so, als wäre ich konfrontiert mit den Bedürfnissen, Forderungen der Gemeinschaft, des Gesetzes, des Staates." (S. 48; gekürzt: MK). Die Rollenübernahme des generalisierten Anderen ist also nichts anderes als die Übernahme der Ansprüche des Staates, schöner gesagt des Gemeinwohls. Beispiel: Wenn es in den Gesetzen um § 1631 BGB und in der dazu laufenden Rechtsprechung heißt, Erziehung habe sich am "Kindeswohl" zu orientieren, dann ist damit nicht einfach das gemeint, was Klein-Luzi und Fritzchen denn so gerne hätten, sondern was dazu beiträgt, damit sich Luziane und Friedrich nach und nach zu demokratischen Staatsbürgern mit personaler Entfaltung in sozialer Verantwortlichkeit entwickeln. Der generalisierte Andere "sind die Normen und Werte der Gesellschaft (...) Die Gesellschaft ist der umfassende generalisierte Andere" (S. 49). Das Lehrbuch und wohl auch Mead beharren dabei allerdings auf einem Unterschied zu Parsons: Es ist bei dieser Rollenübernahme nicht der Untertan gefragt, sondern "Selbstbewusstsein" (S. 49), oder anders gesagt: "Sozialisation ist nach der Theorie Meads vermittelt über Interaktion" (S. 49), die Parsons'sche Vorstellung einer Einbahnstraße Gesellschaft → Individuum lehnt Mead damit ab.
I und Me - impulsives und reflektiertes Ich
Mead und den Lehrbuchautoren bleibt nicht verborgen, dass diese Theorie - wenn auch weniger rigide als die von Parsons - bis zu diesem Punkt ebenfalls eine mechanistische Vorstellung ist: Die Individuen entwickeln sich über verschiedene Rollenannahmen vom play zum großen ganzen game, das dann für alle gleichermaßen gilt. - Aber dennoch "beobachten wir, dass Menschen völlig verschieden sind" (S. 50) - so what!
Nun kommt es offensichtlich auf gar keinen Fall in Frage, an dieser Stelle den freien Willen der Menschen zu Kenntnis zu nehmen. Sondern die Erklärung, warum trotz der Rollenübernahme des generalisierten Anderen die Menschen immer noch unterschiedlich agieren, geht so: Es gibt "etwas im Menschen, das sich gegen diese Zumutungen (!) der Anderen zur Wehr setzt" (S. 50), das impulsive Ich, "I.". Bemerkenswert ist, dass Erwartungen jetzt kritisch als Zumutungen bezeichnet werden, und dass aus dem freien Willen ein "konstitutioneller Antriebsüberschuss" geworden ist, der eben den Impuls des I ausmacht, nicht alle Rollen zu übernehmen. "Das impulsive Ich ist vorsozial und unbewusst. In ihm kommen sinnliche und körperliche Bedürfnisse spontan zum Ausdruck. Es ist nie vollständig sozialisierbar und tendiert (...) dazu, die soziale Selbstdisziplinierung des Individuums, die ja mit der Orientierung am generalisierten Anderen erfolgt, aufzuheben. Es ist dem Freudschen 'Es' durchaus vergleichbar." (S. 50). Nur wird dieses impulsive Ich bei Mead auch positiv gesehen: Es bringt immer wieder "Neues und Schöpferisches in die Situation" (S. 50).
Die andere Seite des Individuum ist das reflektierte Ich, "Me". Dies ist nicht das reflektierende, also nachdenkende Ich, sondern wirklich das reflektierte Ich, welches die internalisierten Werte und Verhaltenserwartungen des generalisierten Anderen reflektiert, also enthält: "Das reflektierte Ich repräsentiert die gesellschaftliche Dimension der Identität" (S. 50). Mead vergleicht diese Seite des Individuums mit Freuds "Über-Ich". Es ist klar, dass diese Seite des Individuums sich entwickelt - von der Rollenübernahme der konkreten Anderen zur Rollenübernahme des generalisierten Anderen, also im Laufe der Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen und zum Erwachsenen. Aber was tun, wenn die Rollenerwartungen des generalisierten Anderen gar kein monolitischer Tugendkatalog sind, wenn ich
- mich zu anderen Schülern kameradschaftlich verhalten soll, aber sie nicht abschreiben lassen soll,
- zu allem Menschen freundlich und höflich sein soll, auch wenn manche Menschen mir schaden,
- arbeiten soll, aber keinen Arbeitsplatz finde
- den Haushalt in Ordnung halten und abends immer noch attraktiv wirken soll
- in Wirtschaftsfragen an Deutschland denken soll, aber auf meinem Konto tut sich nichts?
Hier macht sich eventuell - siehe oben - das impulsive Ich gegen Zumutungen bemerkbar, zum anderen stellt Mead fest, dass es eben mehrere reflektierte Ichs gibt, "manche widersprechen sich sogar" (S.51). Die Lösung heißt Reflexion: "Aus der Differenz zwischen dem spontanen, unreflektierten Handeln des impulsiven Ichs und der Perspektive, die sich aus der Sicht der Anderen auf das Individuum ergibt, dem reflektierten Ich, entwickelt sich ein reflexives Bewusstsein." (S. 51) Ergebnis dieses reflexiven Bewusstseins soll dann eben keine zornige Aufwallung gegen diese widersprüchlichen Zumutungen sein, sondern eine Synthese dieser reflektierten Ichs, genannt self, eben Identität. "Von einer gelungenen Identität sprechen wir, wenn beide Seiten des Ichs in einer gleichgewichtigen Spannung zueinander stehen." (S. 51)
Merke: In der Theorie von Mead dient Sozialisation dazu, dass das Individuum lernt, den Erwartungen des anderen gerecht zu werden; dieser "andere" wird im Laufe der Entwicklung zunehmend verallgemeinert zur Gesellschaft insgesamt.
3.) Krappmann
Lothar Krappmann (* 1936), Soziologe und Pädagoge; Hauptwerk: "Soziologische Dimensionen der Identität" (1971).
Die 'soziale Umwelt' bei Krappmann
Krappmann weist anfangs darauf hin, dass er ("der Interaktionismus") das Verhalten unter normalen, alltäglichen Bedingungen beobachtet und thematisiert, im Unterschied zu Verhalten, das unter experimentellen Bedingungen, im Labor, provoziert und dann beobachtet wird. Er sieht sich als Empiriker, als einen Mann der Feldforschung. Des Weiteren sieht er Identität als Bemühen des Individuums um soziale Beziehungen, was immer wieder schwierig sein soll ("prekär"; S. 53) und der Interpretation der unterschiedlichen Erwartungen bedarf.
Krappmann ist unzufrieden mit den Begriffen I und Me von Mead, weil er dem impulsiven Ich mehr zutraut als nur die Unvorhersehbarkeit im Verhalten des Individuums zu erklären - und er sieht wohl auch noch bei Mead eine Art Einbahnstraße (das Individuum verinnerlicht die Anforderungen des generalisierten Anderen, also der Gesellschaft), wo Krappmann dann die "interpretatorische Kraft des Ich" und die "biografische Perspektive" (S. 55) zur Erklärung vom Leben in der Gesellschaft fehlt ("die Notwendigkeit und Bedingungen der Möglichkeit von Identität im System sozialer Interaktion"; S. 55). Darauf folgen zwei abzulehnende Alternativen: Einerseits gebe es eine "Widersprüchlichkeit der Normen ... Konflikte ... grundlegend antagonistische Struktur der sozialen Umwelt ... Inkompatibilität ... Zwang und Manipulation" (S. 55) - Krappmann meint wohl einfach unsere Gesellschaft. Zur Bebilderung siehe oben einige Beispiele bei Meads' I und Me, aber auch die Debatte um die neue Unterschicht, Verwahrlosung und Brutalisierung, Konzerngewinne mit nachfolgenden Rationalisierungs-Entlassungen u.ä. Hier, so zitiert Krappmann Marcuse, könne es dann schon zu "Gemütskrankheiten" (S. 55) kommen, weil das Individuum "die Synthese einer auf Inkompatibilität balancierenden Identität" (S. 55) einfach nicht mehr hinbekommt. Andererseits wäre an dieser Stelle erst dann Ruhe, wenn ein totalitärer Staat ganz zweifelsfrei allen Individuen zeigen würde, wo es langgeht - was "letztlich niemals erreichbar" (S. 55) ist.
Rolle als soziale Interaktion
Krappmann verlässt dann im Lehrbuch diese beiden untauglichen Alternativen "gemütskrank" wegen Widersprüchlichkeit der Erwartungen und schweigen angesichts von Terror (vgl. S. 55, Z. 181 ff) und wendet sich Situationen - er sagt "Interaktionen" - zu, "in denen komplementär und kommunikativ gehandelt wird" (S. 56): Bei sämtlichen praktischen Problemen, Fragen oder Unstimmigkeiten müssen laut Krappmann die Beteiligten mit "kreativer Interpretation der Situation" (S. 56) klären, - nicht was sie wollen, sondern - "welche Stellung gegenüber den vorgegebenen Normen und gegenseitigen Erwartungen" (S. 56) sie einnehmen wollen - oder auch das Problem völlig umdefinieren. Krappmann betont hier, dass diese Kreativität dauernd verlangt werde: "balancierende Identität gewinnt ihre Kraft nicht aus biologischen Anlagen oder aus Sehnsüchten nach einer heilen Welt, sondern aus der Nichtübereinstimmung von Erwartungen, der Diskrepanz von Normen und der Offenheit von Interaktionsprozessen." (S. 56) Beispiele: Im Bus ist nur noch ein Sitzplatz frei, zwei Menschen wollen sich dort setzen, laut Krappmann überlegen die beiden nun jeder für sich oder im Dialog, welche Stellung zur Norm des Platzmachens und Platzeinnehmens sie einnehmen wollen - dann steigen sie aus. Oder: Eine Mietwohnung erscheint mir als attraktiv, der Mietpreis ist mir aber zu hoch. Ich überlege nun für mich oder im Gespräch mit dem Vermieter, welche Normen und Erwartungen er und ich haben. Währenddessen schauen sich die anderen Interessenten die Wohnung an und dann hat der Vermieter noch einen Termin...
Bezogen auf Menschen in alltäglichen Interaktionen, aber auch auf Menschen in prekären Situationen "postuliert" Krappmann in ausdrücklicher Absetzung von Parsons, "dass
- Rollennormen nicht rigide definiert sind, sondern einen gewissen Spielraum für subjektive Interpretation durch die Rollenpartner lassen, dass
- die Rollenpartner (...) nicht nur die gerade aktuelle Rollen übernehmen, sondern zugleich verdeutlichen, welche weiteren Rollen sie noch innehaben oder früher innehatten; dass
- mehr als ein vorläufiger (...) kompromisshafter Konsens der Partner über die Interpretation ihrer Rollen im Regelfall nicht zu erreichen und auch nicht erforderlich ist.
- Dies Modell geht ferner davon aus, dass die individuellen Bedürfnsidispositionen den institutionalisierten Wertvorstellungen nicht voll entsprechen. Somit müssen nach diesem Modell
- die Rollenpartner für die Sicherung des Fortganges von Interaktion [warum sollte man daran interessiert sein? MK] fähig sein, auf die (...) Bedürfnisdispositionen des anderen einzugehen." (S. 62)
Krappmann setzt sich dann noch einmal von Parsons ab: Für ihn sind nicht die Gesellschaften stabil, "deren Mitglieder Normen 'automatisch' erfüllen" (S. 62), sondern diejenigen, "die ihren Mitgliedern ermöglichen, im Rahmen des Interpretationsspielraums, den die vorgegebenen Normen lassen, eigene Bedürfnisse (...) zu befriedigen." (S. 62)
Man kann hier zweierlei bemerken:
Zum einen liefert Krappmann weniger eine deskriptive Theorie des Handelns der Bürger oder gar der (deutschen Gegenwarts-) Gesellschaft als eher einen unter der Hand normativen Text: Wie kann man in dieser Gesellschaft zurecht kommen, ohne die vorgegebenen Erwartungen zu brüskieren; zum anderen bekommt seine Rollentheorie immer mehr etwas von psychologischer Ratgeberliteratur: "Aufgabe ... Leistung ... Rezept ... das Individuum muss ... Strategien erkennen ... agieren können". Krappmanns Theorie wird im Fortgang immer psychologischer, er will nicht "kampflos der Psychologie" (S. 62) die Frage überlassen, wie "Spontaneität, Kreativität und Individualität des Rollenspielers ... einen notwendigen (!) Platz" (S. 62) in der gesellschaftlichen Interaktion bekommen können. Seine Loslösung von Parsons Theorie besteht darin, dass er statt des role taking das role-making favorisiert. Gesellschaft (Krappmann würde sagen "Institutionen") löst sich in der Theorie des Interaktionismus' einerseits auf in die interpretierenden Aktivitäten der Individuen - daher der Name dieser Theorie; Gesellschaft bleibt aber andererseits als "gewisser Spielraum" für das nur scheinbar freie Treiben der Interaktionspartner erhalten.
Am Beispiel der Planung einer Kursfahrt soll der bisherige Stand der Theorie veranschaulicht werden:
Die Institution Staat schreibt in Form von Lehrplänen der Bundesländer fest, dass er erwartet, dass u.a. Gymnasiasten über den reinen Lernstoff hinaus soziale Kompetenzen erwerben. Das wiederum präzisieren Bundesländer und dann die einzelnen Schulen auch in Form von Klassen- und Kursfahrten, z.B. in Jahrgangsstufe 13. Rollenpartner sind hier Schüler, Lehrer, Stufenleiter, im Hintergrund Schulleiter und Eltern. Die Bedürfnisdispositionen der Schüler zu diesem Thema sehen z.B. so aus, dass sie sich auf einer solchen Kursfahrt entspannen wollen, zusammen etwas unternehmen, ein anderes Land oder eine andere Stadt kennen lernen wollen, auch Pause vom schulischen Alltag gehört dazu. Die institutionalisierten Wertvorstellungen von Schulleitung und Stufenleiter hatten in diesem Jahr z.B. zum Ziel Krakau geführt: Kennen lernen einer intakten Stadt mit langer Vergangenheit, Kontakt zu Polen, Exkursion nach Auschwitz. Die Interaktion findet in diesem Fall statt als Diskussion über das Ziel dieser Kursfahrt - untereinander, mit den Fachlehrern und mit dem Stufenleiter. Ein kluger Stufenleiter wird bei der Planung auch auf von seinen Vorstellungen abweichende Bedürfnisse der Schüler eingehen - und so führt das Interesse an der Sicherung des Fortganges der Interaktion zu einem anderen Vorschlag, denn die Kursfahrt soll ja nicht scheitern. Der pädagogisch flexible Stufenleiter gibt die Zielfindung in die Diskussion unter den Schülern ab und die Schüler, denen auch klar ist, dass Ziele wie die Bahamas nicht konsensfähig sind, erarbeiten einen Vorschlag, von dem sie erwarten, dass er den von ihnen interpretierten Erwartungen des Stufenleiters (es soll auch ein Bildungsaspekt in der Kursfahrt vorkommen) entsprechen: Barcelona, denn eine Stadt am Mittelmeer soll es vom Schülerinteresse her schon sein - mit Besuch der Gaudi-Kathedrale und des mittelalterlichen Stadtviertels. Bei diesem Ablauf wird der institutionelle Rahmen nie und keinen Millimeter verlassen.
Identitätsbildung
Andererseits soll im Krappmanns Theorie aber doch nicht die reine, persönliche Subjektivität gelten, wo jeder sich seine Rolle selbst herstellt. Krappmann sieht einen Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen Rollenerwartungen, dass das individuelle Verhalten "mit den vorgegebenen Normen voll zur Deckung zu bringen" (S. 63) sei und auf der anderen Seite dem angeblich ebenfalls gesellschaftlichen Anspruch, dass das Individuum sein soll "wie kein anderer" (S. 63). "Diese sich ausschließenden Anforderungen verlangen dennoch sämtlich Berücksichtigung. Zwischen ihnen zu balancieren ist die Leistung des Individuums, die als Ich-Identität bezeichnet werden soll." (S. 63) Hieraus entwickelt nun Krappmann die Verhaltenstipps, die oben als psychologische Ratgeberliteratur bezeichnet wurden: "Aber warum nimmt der an Interaktion Beteiligte diese Anstrengung auf sich, in jeder Situation wieder neu auf der Grundlage der Erwartungen der anderen sich als besonderes und unauswechselbares Individuum darzustellen? Ist das schauspielerische Freude am schillernden Rollenspiel? Ist es der verzweifelte Versuch, durch die behauptete Einzigartigkeit dem Leben im sozialen Chaos einen Sinn zu geben? Ist das Individuum durch seine Einzigartigkeit 'stigmatisiert', so scheidet es als Partner in Interaktionsprozessen aus, weil es den sozialen Erwartungen in keiner Weise entspricht. Übernimmt es aber voll die sozialen Erwartungen, dann 'verdinglicht' es (wird zu einem sachlichen Anhängsel der sozialen Erwartungen; MK) und muss sich zerteilen, weil diese Erwartungen sich ständig wandeln. - Nun scheint es aber gerade ein gutes Rezept für das Überleben unter antagonistischen Verhältnissen zu sein, sich schizophren zu verhalten, also allem und jedem zu entsprechen, oder wie ein Chamäleon, das in keiner Umgebung auffällt. Aber gerade das muss das Misstrauen der Interaktionspartner wecken. Kurzum: Die Interaktion mit einem Partner, der über seine eigenen Erwartungen und Bedürfnisse sowie über seine Konflikte und Lösungsstrategien nichts zu erkennen gibt, ist sehr riskant. (S. 64, z.T. gekürzt, kursiv im Original). Der Verhaltenstipp Krappmanns besteht darin, dass man seine "Erwartungen, Bedürfnisse, Konflikte und Lösungsstrategien" zu erkennen gibt, frei ausspricht: personale Entfaltung in sozialer Verantwortung, wie es einmal in der Allgemeinen Schulordnung von NRW hieß, etwa so: Guten Morgen, ich bin ein bisschen unsicher, sehe auch, dass ihr sehr gespannt seid; nun, vielleicht gelingt es uns gemeinsam, diese Stunde ein Stück weit ... - die moderne Einseiferei eben.
Rollendistanz
Krappmann stellt sich offenbar vor, dass das Individuum in seinem Bemühen um Identität die eigenen und die sozialen Erwartungen "innerpsychisch" (S. 65) durcharbeitet und dann zweierlei entwickelt: Rollendistanz und Ambiguitätstoleranz (vgl. S. 65). Rollendistanz sei "das psychische Korrelat der Interpretationsbedürftigkeit von Rollen" (S. 65); ich mache also aus der Widersprüchlichkeit der verschiedenen Rollen(erwartungen) eine Interpretationsbedürftigkeit dieser an mich herangetragenen Rollen und nehme dann eine Distanz (nicht zu verwechseln mit Kritik!) dazu ein, indem ich mir überlege, dass und wie ich eine Rolle situativ einnehme. Die Umkehrung heißt Ambiguitätstoleranz (ambo, lat. beide): Ich gestehe dies auch anderen Individuen zu. Krappmanns Schlusswort im Lehrbuch ist durchaus anspruchvoll: "An Interaktion kann sich auf die Dauer nur beteiligen, wer auch dann noch agieren kann, wenn ihm ständige volle Bedürfnisbefriedigung versagt bleibt." (S. 65) Krappmanns Ideal ist der Bürger, der sich durch keine Frustration am sozialen Funktionieren hindern lässt und dieses unverwüstliche Funktionieren auch anderen "Interaktionspartnern" unterstellt.
Merke: In der Theorie von Krappmann dient Sozialisation dazu, dass das Individuum lernt, Beziehungen einzugehen; dazu müssen Normen, Erwartungen, Verhalten interpretiert werden.
© Michael Kraus, April 2008,
bei Krappmann leicht zugespitzt am 28. März 2009