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Material für den Pädagogikunterricht

Gereizte Reaktionen - Eine Kritik des Behaviorismus

Auch Pawlow, Watson, Thorndike, Skinner und die Herren vom MKULTRA-Projekt wussten und wissen, dass der Hund munter wird, wenn ich die Leine hervorhole oder dass man im Zirkus allerlei Kunststücke zu sehen bekommt. Was aber die Behavoristen interessierte, war die Frage: Kann man diese Techniken auch bei Menschen anwenden - und worin bestehen dann diese Techniken? Kein Thema war offensichtlich die Frage, ob so eine Technik nicht eine böse Zumutung gegenüber den Menschen ist.

Der Mensch als 'black box'

"Wir möchten das Verhalten des einzelnen Organismus vorhersagen und kontrollieren. Das ist unsere 'abhängige Variable' - die Wirkung, für die wir eine Ursache finden müssen. Unsere 'unabhängige Variable' - die Ursachen des Verhaltens - sind die äußeren Bedingungen, von denen Verhalten eine Funktion ist." (Skinner, Wissenschaft und menschliches Verhalten, 1973, S.42)
Die CIA hat im Prinzip dasselbe Thema: "It it proposed to continue research on problems critical to a clarification of the stimulus-response relationship in biological systems" (Aus den MKULTRA-Akten, 1953)

Für den Zweck der Kontrolle wird bei Menschen zunächst und vor allem von ihren Interessen abgesehen und das, was übrig bleibt, heißt dann "Verhalten". Verhalten wird definiert als eine Funktion äußerer Umstände (siehe Skinner), die Bestimmungen dafür kommen demnach von außen. So wird Verhalten definiert als kontrollierbar - oder anders gesagt: Verhalten zu kontrollieren ist das Ideal des Behaviorismus. Skinner hat durchaus eine Erinnerung, dass Menschen Interessen, Zwecke haben. Es interessiert ihn aber ausdrücklich nicht: "Der Einwand gegen innere Zustände (!?) besteht nicht darin, dass sie nicht existierten, sondern darin, dass sie für eine funktionale Analyse nicht relevant sind." (Skinner, S. 41) Das ist die "black box" der Behavioristen.

Der relative Verstärker

Ernst genommen ist keine box "black"! Auch nicht bei Hund und Katze. Sondern der Behaviorismus benutzt das "Innere" der schwarzen Kiste, auch wenn er daran nicht interessiert ist: Pawlows Hund hat immerhin den Instinkt für Futter (das Futter bekommt dann für den Hund einen Klang) und die Rollschuh fahrende Taube Thorndikes auch. Damit irgendetwas tatsächlich reizt oder verstärkt, muss das Subjekt ein Verhältnis zu dem Ding einnehmen - angeborenermaßen oder per Interesse. Bezeichnenderweise gibt es kein Buch mit dem Titel "200 Verstärker für das Lateinlernen in Klasse 7". Ein Reiz oder ein Verstärker definiert sich logisch immer erst über die Reaktion, sonst war er einfach nur ein Geräusch, Gebäck oder sonst etwas an sich. Wenn nun der Behaviorismus Verhalten als Reaktion auf Reize oder Verstärker definiert, dann hat man es mit einem logischen Zirkel zu tun: Verstärker oder Reiz bewirkt Reaktion, Reaktion bestätigt Verstärker oder Reiz. Für sich genommen und getrennt vom Subjekt ist nichts auf der Welt ein Reiz oder ein Verstärker - oder eben für den Behaviorismus alles. Das gesteht der Behaviorismus auch ein in dem logischen Unsinn eines "neutralen Reizes".

Wie bekommt der Behaviorist nun heraus, ob etwas (= ein "neutraler Reiz") ein Verhalten verstärkt hat? Oder wie kann er sicher sein, dass seine Kekse auch wirklich als Verstärker wirken und nicht verschmäht werden? "Die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, ob ein gegebener Vorgang einen gegebenen Organismus unter gegebenen Bedingungen verstärkt oder nicht, ist die des direkten Tests." (Skinner, S. 76). Aber eigentlich kann niemand sagen, ob es nun der Keks war, der das ängstliche Kind (den "gegebenen Organismus"!) zum Spiel mit dem Kaninchen ermutigt hat, oder nicht vielleicht die beruhigende Stimme des Therapeuten oder die Anziehungskraft des Mondes ... Wenn Verhalten eine S → R-Verknüpfung sein soll und im Prinzip die ganze Welt Reiz oder Verstärker sein kann, dann ist es nicht möglich zu bestimmen, was nun der Reiz oder der Verstärker für diese bestimmte Reaktion war. Schon gar nicht lässt sich das vorher festlegen. Reiz und Verstärker zu sein ist keine objektive Eigenschaft! Wenn trotzdem behauptet wird, dass es eben der Keks gewesen sei, der das Kind zu irgendeiner "Reaktion" gebracht habe, dann beruft der Behaviorismus sich auf eine Plausibilität, die in der Sache nicht drinsteckt und die z.B. ein gestandener Esotheriker auch ganz anders sehen kann. Festhalten will der Behaviorismus aber in jedem Fall, dass beim Verhalten ein Verstärker sein Machtwort gesprochen habe. Die theoretische Konstruktion des Verstärkers erlaubt es dem Behaviorismus, an einem dem Subjekt entzogenen Gesetz des Handelns festzuhalten.

Die 'black box' in der Praxis

Tatsächlich lernt man nur das, was man lernen will. Und als "Verstärker" lässt jeder, der Herr seines Verstandes ist, nur das gelten, was er eben gelten lassen will, sonst können einem alle Kekse, Gongs und Männer in weißen Kitteln gestohlen bleiben. Und je älter der kleine Albert, Peter und Tim werden, desto deutlicher werden sie wissen, was sie wollen. Es ist ja kein Zufall, dass die scheinbar spektakulären Fälle von Verhaltenstraining aus dem Tierreich stammen oder von Kleinstkindern oder geistig Behinderten.

Wenn nun trotzdem in den 60er Jahren eher theoretisch und dann von 2003 bis 2007 mit großem Aufwand praktisch programmierter Unterricht das schulische Lernen effektivieren sollte, so weiß jeder Schüler, dass bei dieser angeblichen Anwendung von Behaviorismus beim Lernen die eh Motivierten munter vorankamen und die nicht so Motivierten sonst etwas veranstalteten, da nützten alle Komplimente für gelernte Lektionen nichts. Auch wenn der Anschein von Lernen nach behavioristischer Theorie erweckt wird, braucht der programmierte (wie jeder andere) Unterricht den Schüler, der sich mehr oder weniger entschließt mitzuarbeiten. Dies ist also nicht der wahrgemachte Behaviorismus.

Aber ein "Verhaltenstraining", das bei Menschen mit dem 'black-box'-Konzept Ernst macht und konsequent und ausschließlich mit positiven oder negativen "Verstärkern" arbeitet, muss Vernunft und Willen praktisch ausschalten - das ist dann Folter! Eine den Menschen falsch bestimmende Theorie auf den Menschen anwenden geht nur mit Gewalt. - Dazu G.W.F. Hegel: Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören.(Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie)

In diesem harten Sinne hatte der Behaviorismus seine große Zeit in den 50er und 60er Jahren: Kann man Männer zu Soldaten machen, ohne dass sie über ihren Kampfauftrag nachdenken? Kann man Agenten der Gegenseite restlos aushorchen und umdrehen? Kann man Kriminelle durch Verhaltenstraining dieser Art zu braven Bürgern machen?

© Michael Kraus, 22. März 1998; überarbeitet am 3. März 2009


Nachtrag: einige YouTube-Filmchen (viele andere zum Thema sind technisch sehr schlecht oder sachlich ganz unbrauchbar; man kann sich ziemlich gut auf die Zahl der Aufrufe verlassen; ist das nun konditioniert oder verstärkt oder was?)

  1. Pawlows Hund; ein BBC-Film
  2. Watsons Albert
  3. Watsons Ratte
  4. Skinners Taube
  5. ein Film auf Phoenx über das MKULTRA-Projekt

Stand der Links: Februar 2009