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Der psychische Apparat

Freuds Skizze und eine davon abgeleitete Grafik von eigener Hand

Grafik von Sigmund Freud; aus: ders., Die Natur des Psychischen; in: Abriss der Psychoanalyse, 1938.
W-Bw = bewusste Wahrnehmung der Außenwelt
akust. = akustisch, Beispiel für Reize
Vbw = Vorbewusst, ab 1920 Ich
Vdgt = Verdrängtes

Freud hat von 1900 bis 1920 ein Modell des Funktionierens der Seele (Psyche) entwickelt, nämlich den psychischen Apparat:
Er bestehe aus Teilen, die er auch Provinzen (Bereiche) oder Instanzen (Mächte) nennt. Diese Instanzen - mit Ausnahme der ersten - entwickeln sich im Leben des Kindes und diese kindliche Entwicklung ist laut Freud ein Schnelldurchgang durch das, was die Menschheit in Jahrzehntausenden als Zivilisationsentwicklung durchgemacht habe. Dabei geht Freud von der bürgerlichen Kleinfamilie in Wien um 1900 aus.

Es Die Energie des Es sind Triebe, Wünsche, Liebe, Libido (Lust). Diese Instanz ist angeboren. Der Inhalt und die Energie des Es sind unbewusst. Freud nennt ein Verhalten, das nur vom Es gesteuert wird, den Primärvorgang. Beispiele bei Säuglingen: ungezügelte Neugier, Schreien (wegen Hunger), Lallen, Strampeln, Spielen ohne Scham- und Ekelschranken (z.B. mit dem eigenen Kot). Beispiele bei Jugendlichen und Erwachsenen: begeistertes Schreien, Wutausbruch, sich fallen lassen beim Sex. Der Primärvorgang ist nach der frühen Kindheit ein Verhalten in Rausch und Extase; umgangssprachlich würde so etwas "durchdrehen", "sich gehen lassen", "außer Rand und Band sein" heißen. Die Wünsche des Es zeigen sich z.B. in Träumen. Das Es handelt nach dem Lustprinzip.

Ich Dies ist das Wahrnehmungsorgan der Psyche nach innen und außen: die Aktivität des Ichs besteht in Kontrolle und Vernunft; es entwickelt sich am Ende des ersten Lebensjahres durch Reize der (Außen-)Welt, die auf das Es einwirken. Beispiele: Anpassung des Säuglings (erste Kontrolle des Es) auf Grund von Hinweisen der Eltern; kontrollierte Motorik: Sauberkeit, Sprechen, Gehen; Angst(-signal), Flucht *) bei Gefahr. Das Ich verwandelt die Träume (Wünsche des Es) in eine erzählbare Geschichte, wobei das Ich sich im Schlaf in einem „betrunkenem” Zustand befindet, d.h. das Es nur unvollständig kontrolliert. Das Ich muss drei Mächten dienen: dem Es, der Außenwelt und dem Über-Ich. Das Ich handelt nach dem Realitätsprinzip.

Über-Ich Diese Instanz entwickelt sich mit etwa drei bis vier Jahren aus dem Ich. Das Über-Ich ist die Verinnerlichung der Normen usw., die von Eltern usw., letztlich von der Gesellschaft und ihren Institutionen an das Kind herangetragen werden: das Gewissen. Das Über-Ich ensteht im Durchgang durch den Ödipuskonflikt; indem sich der etwa vierjährige Knabe der väterlichen Autorität unterwirft - die da lautet, der Kleine müsse die libidinösen Wünsche hinsichtlich der Mutter abwehren um so später selbst eine väterliche Autorität zu werden -, zerfällt der Ödipuskomplex, d.h. entsteht eben das Über-Ich. Das Über-Ich schränkt die Befriedigung der Wünsche des Es ein, indem es seine Ansprüche beim Ich anmeldet. Das Über-Ich ist großenteils unbewusst.
 


Schlussbemerkung: Kritik

Für Freud gibt es nicht einfach den aktiven Menschen, sondern immer nur die Aktivitäten als Ergebnis des Wechselspiels der drei Instanzen. Alle Inhalte des Gehirns, also eben die Psyche, gelten in der Psychoanalyse als selbständig agierende Energien ("Instanzen"). Wenn diese Überzeugung steht, dann gibt es natürlich auch diese eigenständig aktive Energie beim Kleinkind, es geht also gleich nach (oder vor?) der Geburt los mit den diversen Aktivitäten der Psyche - unbewusst, versteht sich. Daher geht das Interesse der Psychoanalyse immer auf die frühe Kindheit (bis 5 Jahre) und Träume. Wieso für Freud etwas so Zentrales wie das Sprechenlernen (ich gebe meinen Gedanken eine feste = gesellschaftlich brauchbare Form, ich denke etwas Bestimmtes) praktisch unwichtig, nämlich zweitrangig ist, dürfte sich jetzt erklären lassen.

Natürlich kann man nicht laufend an alles denken, d.h. natürlich ist einem nicht immer alles bewusst. Aber dass das Unbewusste etwas anderes sei als eben Geistesinhalte, die mir aktuell nicht bewusst sind, sondern angeblich aktiv seien, eine eigenständige Energie - das ist eben das Neue und Falsche an der Theorie von Sigmund Freud. Er weiß auch, dass er sich da auf rein spekulativem Gebiet bewegt: "Wir nehmen an, wie wir von anderen Naturwissenschaften gewohnt sind, dass im Seelenleben eine Art von Energie tätig ist, aber es fehlen uns alle Anhaltspunkte, uns ihrer Kenntnis durch Analogien mit anderen Energieformen zu nähern." (Abriss der Psychoanalyse, 1938, hier zit. nach Fischer TB, 1997, S. 23). Freud ist eben in seinen Gegenstand verliebt (er wäre besser bei der Hirnforschung geblieben).
Weiteres zur Kritik an der Psychoanalyse in der Schlussbemerkung zum Ödipuskonflikt und zur Traumdeutung, dort Fußnote 1 und Schlussbemerkung.

*) Freud befasst sich nicht mit Reiz-Reaktions-Mechanismen im Sinne des Behaviorismus; insofern haben die Begriffe Reiz und Reaktion bei ihm eine andere Bedeutung; Zurückzucken bei Schmerz kommt bei Freud also nicht als UR vor, sondern als Leistung des Ichs, um den Narzissmus aufrecht zu erhalten (Flucht).

© Michael Kraus, November 2010