Material für den Pädagogikunterricht
Piaget - Die Entwicklung der kindlichen Moral
Piaget erzählt (vermutlich in den 60er, evtl. schon in den 50er Jahren) Kindern zwei Geschichten:
1.) Ein kleiner Junge namens Hans ist in seinem Zimmer. Man ruft ihn zum Essen. Er geht ins Speisezimmer, aber hinter der Tür stand ein Stuhl. Auf dem Stuhl war ein Tablett und auf dem Tablett standen fünfzehn Tassen. Hans konnte nicht wissen, dass all dies hinter der Tür war. Er tritt ein, die Tür stößt an das Tablett und bums! die fünfzehn Tassen sind zerbrochen.
2.)Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Georg. Eines Tages war seine Mama nicht da und er wollte Marmelade aus dem Schrank nehmen. [Das durfte er nicht.] Er stieg auf einen Stuhl und streckte den Arm aus. Aber die Marmelade war zu hoch und er konnte nicht darankommen. Als er doch versuchte daran zu kommen, stieß er an eine Tasse. Die Tasse ist heruntergefallen und zerbrochen.
Gespräch mit Geo (Junge, 6 Jahre)
Hast du diese Geschichte verstanden?
Ja.
Was hat der erste Junge getan?
Er hat elf Tassen zerbrochen.
Und der zweite?
Er hat eine Tasse durch eine plötzliche Bewegung zerbrochen.
Warum hat der erste die Tasse zerbrochen?
Weil die Tür daran gestoßen ist.
Und der zweite?
Er hat eine falsche Bewegung gemacht. Als er die Marmelade suchte, fiel die Tasse herunter.
Ist einer schlimmer als der andere?
Der erste, weil er zwölf Tassen fallen gelassen hat.
Wenn du der Papa wärest, wen würdest du mehr bestrafen?
Den, der zwölf Tassen zerbrochen hat.
Warum hat er sie zerbrochen?
Die Tür ist zu stark zugeschlagen, sie hat daran gestoßen. Er hat es nicht absichtlich gemacht.
Und der zweite? Warum hat er eine Tasse zerbrochen?
Er wollte Marmelade nehmen, er hat eine zu heftige Bewegung gemacht. Die Tasse ist zerbrochen.
Warum wollte er die Marmelade nehmen?
Weil er alleine war. Er hat ausgenutzt, dass seine Mama nicht da war.
Hast du einen Bruder?
Nein, eine kleine Schwester.
Na, wenn du die zwölf Tassen zerbrochen hättest, als du in das Zimmer kamst, und deine kleine Schwester eine, als sie die Marmelade suchte, wer würde mehr bestraft werden?
Ich, weil ich mehr als eine Tasse zerbrochen habe.
Gespräch mit Schma (Junge, 6 Jahre)
Hast du die Geschichten gut verstanden? Erzähl sie mir, damit ich es sehe.
Ein Kind wurde zum Essen gerufen. Auf dem Tablett stehen fünfzehn Teller. Es wusste es nicht. Es macht die Tür auf, es zerbricht fünfzehn Teller.
Sehr gut. Und die zweite Geschichte?
Es war einmal ein Kind. Und da wollte dieses Kind Marmelade holen. Es stellte sich auf einen Stuhl, es stößt an eine Tasse, da zerbricht sie.
Sind diese beiden Kinder gleich schlimm? Oder sind sie nicht gleich schlimm?
Beide gleich schlimm.
Du würdest sie beide gleich bestrafen?
Nein, den der fünfzehn Teller zerbrochen hat.
Ist es schlimmer oder weniger schlimm als der andere?
Ein wenig schlimmer als der andere. Er hat fünfzehn Teller zerbrochen.
Warum hat er sie zerbrochen?
Weil er nicht wusste, dass da fünfzehn Teller waren.
Und das andere Kind, würdest du es mehr oder weniger bestrafen?
Das erste hat viel zerbrochen, das andere weniger.
Wie würdest du sie bestrafen?
Das, welches die fünfzehn Tassen zerbrochen hat: zwei Ohrfeigen, das andere: eine!
Gespräch mit Constance (Mädchen, 6 Jahre)
Erzähle mir diese beiden Geschichten.
Es war einmal ein Stuhl in einem Esszimmer mit Tassen. Ein Junge öffnete die Tür. Alle Tassen sind zerbrochen.
Und die andere Geschichte?
Ein kleiner Junge will Marmelade nehmen. Er will eine Tasse nehmen, die zerbricht.
Wenn du die Mama wärst, welchen Jungen würdest du mehr bestrafen?
Den, der die Tassen zerbrochen hat.
Ist das der schlimmste?
Ja.
Warum hat er sie zerbrochen?
Weil er in das Zimmer gehen wollte.
Und der andere?
Weil er die Marmelade nehmen wollte.
Sagen wir, du bist die Mama, du hast zwei kleine Mädchen. Das eine zerbricht fünfzehn Tassen, als es in das Esszimmer kommt, das andere eine Tasse, als es Marmelade holt, während du nicht da bist. Welches würdest du mehr bestrafen?
Das, welche die fünfzehn Tassen zerbrochen hat.
Hast du schon einmal etwas zerbrochen?
Eine Tasse.
Wie?
Ich wollte sie abwischen und habe sie fallen lassen.
Was hast du noch zerbrochen?
Ein anderes Mal einen Teller.
Wie?
Ich habe ihn genommen um zu spielen.
Was war schlimmer von beiden?
Der Teller, weil ich ihn nicht nehmen sollte.
Und die Tasse?
Weniger schlimm, weil ich sie abwischen wollte.
Wofür hat man dich mehr bestraft, für die Tasse oder für den Teller?
Für den Teller.
Höre zu, ich will dir noch zwei Geschichten erzählen: Ein kleines Mädchen wischte Tassen ab. Es räumte sie ein, indem sie sie mit einem Lappen abwischte, und zerbrach fünf Tassen. Ein anderes Mädchen spielt mit Tellern. Es zerbricht einen Teller. Welches ist das schlimmere?
Das, welches die fünf Tassen zerbrochen hat.
Welches würdest du mehr bestrafen?
Das, welches die fünf Tassen zerbrochen hat.
- Aufgabe
- Zu welchen Aspekten der kindlichen Entwicklung werden die Kinder hier befragt und wobei haben sie Schwierigkeiten (belegen Sie Ihre Feststellungen am Text)?
- Erläutern Sie, in was für einer Phase (Stufe) die hier befragten Kinder sind - und was Freud zu diesem Alter sagt.
- Wie könnte man die Geschichten für Constance nach und nach abwandeln, damit sie einen Perspektivwechsel in dieser Frage hinbekommt?
- Konzept zur Lösung
- Piaget zeigt hier durch Gespräche mit Kindern den Stand der moralischen Entwicklung von 6-Jährigen. Die Geschichten thematisieren dabei einerseits einen großen und einen kleinen Schaden (Ist es schlimmer oder weniger schlimm als der andere?), andererseits die Frage der Verantwortung für einem Schaden (Warum hat der erste die Tasse zerbrochen?). Dabei geht es auch um die Frage, welchen Perspektivwechsel diese Kinder vollziehen können (Na, wenn du die zwölf Tassen zerbrochen hättest, als du in das Zimmer kamst, und deine kleine Schwester eine, als sie die Marmelade suchte, wer würde mehr bestraft werden?).
- Diese Kinder befinden sich in der präoperatorischen Phase (zweites bis siebtes Lebensjahr ...). Sie haben die Norm "Mach' nichts kaputt!" verinnerlicht und wenden sie auch bei anderen Kindern an. Daher kommt es, dass alle drei Kinder die Geschichten sehr konsequent nach der rein äußerlichen Höhe des Schadens beurteilen: fünfzehn Tassen sind mehr als eine. Diese Norm halten die drei befragten Kindern nicht nur für sich selbst, sondern als ganz allgemein gültig fest, also auch, wenn sie sich vorstellen sollen, anderen Kindern wäre das passiert oder sie wären "Papa" oder "Mama"; insofern beherrschen sie einen Rollenwechsel oder Perspektivwechsel.
Diese drei Kinder (jedenfalls Constance) kennen eventuell auch eine andere Norm: "Prüfe, ob du verantwortlich für etwas bist!" (oder sprachlich einfacher: "Unterscheide zwischen Schuld und Pech!"): Was war schlimmer von beiden? - Der Teller, weil ich ihn nicht nehmen sollte. - Und die Tasse? - Weniger schlimm, weil ich sie abwischen wollte.
Aber diese zweite Norm kann Constance noch nicht auf andere Personen übertragen, selbst wenn ihr dieselbe Situation, die sie erlebt hat, als Geschichte eines anderen Mädchens erzählt wird. Hier zeigt sich ein typisches Merkmal der präoperatorischen Phase: der kindliche Egozentrismus; die Fähigkeit zum Perspektivwechsel ist noch eingeschränkt.
Freud setzt die Entwicklung der Moral sehr viel früher an als Piaget: Mit dem Durchgang durch den Ödipuskonflikt entsteht im Alter von etwa zwei bis vier Jahren das Über-Ich, 6-Jährige sind für Freud in der Latenzzeit (...), die moralische Entwicklung ist da im Prinzip fertig - und um mehr als ums Prinzip, nämlich was geschieht mit der Libido, kümmert sich Freud nicht. Freud würde bei den drei befragten Kindern evtl. ein schwaches Über-Ich konstatieren, evtl. bei Constance die verbietende Mutter hervorheben (Elektrakomplex?), vielleicht bei Constances Tassen auf die Vagina zu sprechen kommen ... - Beachtung der Phasen, in denen Kinder sich befinden; erkennen durch handeln; kindlicher Egozentrismus ist nicht Dummheit oder Frechheit. Zunächst exakte Wiederholung der Erfahrung von C. als Geschichte, dann Abwandlung: Größerer Schaden ohne eigene Schuld (...), wenn C. in ihrem Urteil schwankt, immer wieder eine Version zurückgehen.
Thema: Piaget zur moralischen Entwicklung von Kindern