Material für den Pädagogikunterricht
Die Grundbegriffe Piagets
Entwicklung ist nach Piaget ein Prozess des Erwerbs immer weiterer Möglichkeiten zur Bewältigung ständig sich verändernder Umweltgegebenheiten. In der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt erwirbt der Mensch nach Piaget sogenannte Schemata. Ein Schema ist ein Muster des Verhaltens und dann auch des Denkens.
- Beispiel 1:
Ein Kind sitzt im Kinderwagen und lässt sein Spielzeug herausfallen. Die Mutter hebt das Spielzeug auf und reicht es dem Kind in den Kinderwagen zurück. Das Kind wirft das Spielzeug erneut hinaus. Es beobachtet zunächst seine eigene Hand beim Loslassen, später den fallenden Gegenstand. Das Kind erwirbt das Schema "loslassen - fallen lassen".
Mit diesem Schema kann es mit Dingen auf bestimmte, also nicht mehr zufällige Weise umgehen.
Wenn Kinder innerhalb ihrer Umwelt auf ein Problem stoßen, welches sie mit den vorhandenen Schemata nicht lösen können, findet eine Anpassung des Organismus' an seine Umwelt statt. Dies bedeutet, dass im Verlauf der Entwicklung bestehende Schemata verändert werden und neue Schemata erlernt und angewendet werden sowie umgekehrt, dass die Objekte der Welt an die vorhandene Schemata angepasst werden. Die beiden Prozesse nennt Piaget Assimilation und Akkommodation. Die Begriffe kommen aus der Biologie: Assimilation ist zum Beispiel der Vorgang des Essens und Schluckens, Akkommodation ist der Vorgang der Anpassung der Iris an die Umgebungshelligkeit.
Assimilation ist die Benutzung bestehender Schemata um mit Objekten umzugehen oder mit Problemen fertig zu werden; ich passe die Objekte an mich an. "... ebenso wie ein Kaninchen, das Kohl frisst, sich nicht in Kohl verwandelt, sondern umgekehrt der Kohl sich in Kaninchen verwandelt, geht das Individuum bei jeder Handlung oder Praxis nicht im Gegenstand auf, sondern der Gegenstand wird insofern gebraucht und 'begriffen', als er auf die Handlungen des Individuums bezogen ist." (Piaget)
- Beispiel 2:
Ein kleines Kind hat gelernt einen Becher mit beiden Händen zu halten und so daraus zu trinken. Es wendet nun das gleiche Schema an, als es einen Teller Suppe bekommt. Das Schema 'aus einem Becher trinken' wird auf verschiedene Gefäße angewendet. Dabei werden die Unterschiede zwischen den Objekten vernachlässigt, vielmehr wird versucht, das gleiche Schema anzuwenden.
- Beispiel 3:
Ein Erwachsener kann einen Windows-PC benutzen und sitzt nun vor einem Linux-Rechner; er wendet seine erlernten praktischen und kognitiven Schemata auf das neue Objekt an, z.B. macht er noch längere Zeit einen Doppelklick statt des bei Linux erforderten Einfachklicks.
Wird die Unterschiedlichkeit der Objekte jedoch zu groß, kann man unter Umständen nicht das gleiche Schema anwenden. Wenn ein bereits erlerntes Schema nicht angewendet werden kann, sondern ein neues aufgebaut oder ein vorhandenes Schema verändert werden muss, spricht man von Akkommodation. Akkommodation ist somit die Veränderung bereits bestehender Schemata gemäß den Erfordernissen veränderter Umweltbedingungen; ich passe die Schemata (mich) an die Objekte an.
- Beispiel 4:
Wenn ein Kind aus einem Becher trinken kann, heißt dies nicht, dass es auch mit einem Strohhalm aus der Flasche trinken kann. Das Schema 'aus einem Becher trinken' kann das Kind in diesem Fall nur zum Teil anwenden. Es wird auch in diesem Fall die Flasche mit den Händen umgreifen und Richtung Mund führen. Ebenfalls wird der Strohhalm ähnlich wie vorher der Becherrand von den Lippen umschlossen. Das gleichzeitige Neigen der Flasche hätte jedoch unerwünschte Konsequenzen. Das alte Schema muss also den veränderten Erfordernissen angepasst und abgewandelt, akkommodiert werden.
Assimilation und Akkommodation können nicht immer klar getrennt werden. Häufig werden beim Erlernen neuen Verhaltens beide Prozesse einbezogen.
Piaget teilt die kindliche Entwicklung in eine Unzahl von Stadien ein; es ist einfach die Kontinuität der kindlichen Entwicklung, die bei Piaget zu einem wahren Getümmel an Phasen, Stadien und Stufen führt. Siehe hierzu die Unterrichtsstunde und das Protokoll vom 26. Januar 2005.
In den ersten Wochen handelt das Kind nach angeborenen Reflexe. Warum greift oder saugt ein Neugeborenes nach/an allem und jedem? Piaget: "Säuglinge saugen, weil sie es können." Das heißt, Piaget nimmt eine angeborene Tendenz an, Verhalten zu praktizieren, er sagt: zu üben: Indem das Baby seine Reaktionen praktiziert, präzisiert und variiert es sie und macht sich auf einen Weg, auf dem es später Operationen entwickelt.
- Beispiel 5:
Ein Baby (1 - 4 Wochen) bekommt beim Strampeln zufällig eine Schnur zu fassen, die vom Dach seines Bettchens herunterhängt, und setzt somit die aufgehängten Sachen in Bewegung, die ein Klingeln produzieren. Den Reflex 'Festhalten' wiederholt das Kind mehrere Male als Griff zur Schnur, wobei zunächst nicht festzustellen ist, was davon Zufall und was Absicht ist. Dies bildet das frühkindliche Schema 'sich zu einem Geräusch hinwenden' aus.
Diese Verhaltens-Wiederholung wird als Zirkulärreaktion bezeichnet: eine Wiederholung von Schemata, eine Gewohnheit, anfangs noch ohne Differenzierung zwischen vorheriger Absicht und angewandten Mitteln. Oder anders: Eine Zirkulärreaktion ist das Bestreben des Säuglings, zufallsgesteuertes Verhalten, welches als angenehm und interessant erlebt wird, zu wiederholen. Piaget redet von primären Zirkulärreaktionen, weil bei diesen Reaktionen vornehmlich der eigene Körper im Mittelpunkt steht und noch nicht die fremden Objekte.
Sekundäre Zirkulärreaktionen nennt Piaget diejenigen Schemata, bei denen eine Handlung als Mittel zur Erreichung eines Zieles eingesetzt wird: Es findet eine Differenzierung zwischen Mittel und Zweck statt.
Tertiäre Zirkulärreaktionen (ab 12-18 Monate) meinen, dass Neugierde und Interesse des Kindes im Vordergrund stehen: aktives Experimentieren, zielstrebiges Entdeckung neuer Handlungsschemata und Mittel; bekannte Schemata werden differenziert und auf neue Ereignisse angewandt - das Kind "operiert", es entwickelt Operationen. Der Unterschied zur sekundären Zirkulärreaktion besteht darin, dass vor dem Einsatz einer Operation das Interesse als Mittel steht. Der Unterschied zwischen Schema und Operation ist für Piaget, dass Operationen intelligentes Handeln sind - und Intelligenz bedeutet, dass Assimilation und Akkommodation gleichermaßen geschehen (das nennt Piaget dann Äquilibration: Ausgleich, Gleichgewicht).
- Beispiel 6:
Ein Kind (ab etwa 9 Jahren) kann nicht nur irgendwie mühsam Fahrrad fahren, sondern beherrscht das Fahrrad Fahren: Es weiß mit der Frage der weiten Hose und der Gefahr, in die Kette zu geraten, umzugehen (Akkommodation) und es stellt den zu niedrig fixierten Sattel für sich richtig ein (Assimilation). Es ist über das Stadium des Gleichgewichthaltens hinaus (Übung), sieht Fahrradfahren als Selbstverständlichkeit um sich im Stadtteil zu bewegen oder bringt kleinen Zierrat an seinem Rad an (Symbol) und führt mitunter zusammen mit anderen Kindern Geschicklichkeitsspiele oder Wettfahrten mit dem Rad aus (Regel).