Kleine Jungs im Kindergarten und in der Grundschule
Vorwort
Die beiden Einführungskurse 10 und 11 ins Fach Pädagogik - eine Kooperation des Ricarda-Huch-Gymnasiums und des Grillo-Gymnasiums - haben sich vor vielen Wochen mit Banduras Theorie des "Lernens am Modell" beschäftigt. Das Merkwürdige an Banduras Experimenten ist ja, dass da kleine Jungen Aggressivität, die sie im Film sehen, auch dann nachahmen, wenn der Held des Films mit seiner Aggression untergeht oder verliert.
Das nächste Thema in dieser Richtung hieß dann "männliche Bildungsverlierer", ein merkwürdiges Phänomen seit etwa einer Generation, wo es doch vorher jahrhundertelang geklappt hat mit den Jungs in Schulen. Seit mehreren Jahren dagegen sind Jungen in der Schule etwa eine Notenstufe schlechter als Mädchen - statistisch.
Also haben sich der 10er und der 11er Pädagogikkurs im Juni 2011 in Grundschulen und Kindergärten begeben und dort einmal zugeschaut, wie sie sich denn so verhalten, die kleinen Jungs.
Dafür von hier noch einmal ein ganz herzliches Dankeschön an die Leitung der vielen Kindergärten und Grundschulen!
Feldforschung - eine Rarität!
So viel authentisches Material, eine so dichte Feldforschung zum Thema "Verhalten von kleinen Jungen" finden Sie sonst nirgends im Netz! Sie finden Artikel in Journalen und Elternzeitschriften - alles Sekundärmaterial. Aber wo ist die direkte Beobachtung über den Einzelfall ("Mein Sohn hat auch immer...") hinaus, wo ist das Material aus der Feldforschung? Hier: teilnehmende Beobachtung à la Piaget in sieben Kindergärten und acht Grundschulen!
Eine erste Zusammenfassung der Besuche steht auf den beiden Seiten oberhalb der einzelnen Besuchsprotokolle in den Kindergärten und Grundschulen - wobei eben diese Besuchsprotokolle teilweise entzückende Zeichnungen enthalten - schauen Sie mal rein...
Zu den Bildern
- Bilder von unseren Gymnasiastinnen kommen von uns (irgendwo sind auch einmal zwei Gymnasiasten klein zu sehen, aber das gehört schon fast zum Thema...).
- Einige Bilder von den besuchten Kindergärten und Grundschulen haben wir von den entsprechenden Internetseiten übernommen, einige haben wir auch selbst photographiert.
- Die Kinderzeichnungen sind von den Kindern dort, wo wir waren, die Kinder haben sie uns geschenkt - danke!
- Zusätzlich haben wir einiges Illustrationsmaterial aus dem weltweiten Netz einkopiert, in der Regel steht dann da: "Beispielphoto". Dazu noch ein Hinweis: Diese Seiten machen keinen Gewinn - auch keinen Verlust. Sie dienen ausschließlich unterrichtlichen Zwecken - danke!
Skripte: "Welches Risiko besteht?"
Auf diesen Seiten wird ein bisschen Javascript benutzt. Die paar Zeilen sind völlig ungefährlich, greifen nichts an, nehmen nichts mit.
Das erste heißt "lightbox" und dient dazu, dass Bilder zentriert und auf grauem Grund aufscheinen. Das Script dazu steht hier.
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Kurze Theorie der kleinen Jungen
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Im Folgenden einige Schlüsse aus der hier vorliegenden Feldforschung; auf Belege verzichte ich, am besten liest man vorher alle 16 Berichte durch. Jeder Mensch ist anders, auch jeder kleine Junge - aber Menschen haben auch so einiges gemeinsam, auch kleine Jungen, z.B. ihre physische Basis. Dass ich hier nicht mit Fachtermini protze und mir alle Fußnoten oder Links auf Autoritäten erspare, heißt nicht, dass hier ein unreflektierter Text vorläge.
- Kleine Jungen haben Spaß an Kraft, Krach und Bewegung. Dieser Spaß bedeutet in sozialen Beziehungen, dass sie Spaß daran haben, der Boss zu sein oder zu werden und zwar im Wettbewerb mit Gleichgesinnten. Sie haben kein sonstiges Interesse an Menschen außerhalb der eigenen kleinen Peergroup. Diesen Spaß an Wettkämpfen in der eigenen kleinen Peergroup können sie z.B. auch in Mathematik austoben, aber sie haben kein Interesse an - aus ihrer Sicht - ungerichteten sozialen Kontakten (z.B. Unterrichtsgespräch, Besucher).
- Warum - oder wann - kommen kleine Jungs nicht mit Mädchen zurecht (und umgekehrt)? Wenn und weil ihre Disposition, ihre Orientierungen, ihre Interessen eben komplett auseinanderlaufen. Das geschieht, sobald sich die Kinder überhaupt sozial umschauen, also ab zwei bis drei Jahren, bei manchen auch erst mit vier Jahren. Sprachlich wird diese Wahrnehmung von Unterschieden dann als doof, gemein, eklig gefasst. Die kleinen Jungs folgen da einfach ihren Interessen und Fähigkeiten, sie haben keine weiteren Gründe, sondern nur den einen unverrückbaren Grund des biologischen Unterschieds, der eben deshalb auch ganz dogmatisch vertreten wird, so dass z.B. rosa Tassen und Kleidung einfach unmöglich sind. Im Einzelfall gibt es aus demselben Grund auch Freundschaft zu einem bestimmten Mädchen, das kennt der Junge, mit diesem Mädchen weiß er etwas anzufangen. Die Antipathie bezieht sich auf gleichaltrige Mädchen und nicht auf (junge) Frauen überhaupt, nämlich die 16- und 17-jährigen Gymnasiastinnen, die da zu Besuch waren. Kleine Jungs sind keine Frauenhasser, sie begrüßen jeden, den sie kennen, es gibt da aber keinen Vorschuss, wie ihn die Mädchen offenbar vergeben.
- Was die kleinen Jungen aber auch schon beherrschen, sind Tarntechniken für ihre Interessen; eine Aufgabe formal erfüllen, möglichst mit wenig Aufwand und schnell, und dann auf diese coole Tour auch noch ein Lob abholen. Die Jungen wissen also schon mit vier Jahren, dass ihr Vergnügen und die Erziehungsziele, mit denen sie es zu tun haben, auseinanderlaufen, und sie gehen berechnend mit dieser Differenz um.
- Woher kommt dieses Interesse an Kraft, Krach und Bewegung und das alles in Form von Wettkämpfen? Gesellschaftliche Rollen, Lernen am Modell? Dann wären die Jungen wesentlich braver, die Erzieher stöhnen ja über ihre Ungebärdigkeit. Die Jungen werden nicht passiv von "wilden Kerlen" und Supermännern belehrt, sondern sie suchen sich die Idole aus, machen das zu ihrem Modell, was zu ihnen passt, sonst wird das Modell einfach passend interpretiert. Banduras "Lernen am Modell" geht also nicht vom Modell zum Kind, sondern umgekehrt! So löst sich auch das Rätsel, wieso kleine Jungs in Banduras Experiment von 1965 Aggression nachahmten, obwohl das Modell dabei Schaden nahm: Die Jungen erkannten in den Experimentalfilmen Banduras das wieder, was ihnen schon vorher gefiel, das wiederholten sie, sie lernten in den Filmen nichts wesentlich Neues.
In diesem zarten Alter handeln sie zum einen nach ihren angeborenen Anlagen: Die Hypophyse und dann die Schilddrüse und die Nebennieren der kleinen Jungen produzieren ab dem dritten Lebensjahr immer mehr Stress- und Geschlechtshormone (Kortisol, Adrenalin, Androgene). Diese physische Basis für das Verhalten der Kinder existiert natürlich nicht pur, das gibt es bei Menschen gar nicht, sondern immer gesellschaftlich überformt (also in den 60er Jahren der USA anders als 2010 in Deutschland), aber bei den Kleinen noch nicht so stark überformt wie bei Jugendlichen und Erwachsenen. Zum anderen nimmt sich so ein Bürschchen auch schon mit drei und vier Jahren Vater, großen Bruder und ähnliche Personen als Vorbild, die allein aufgrund ihrer äußeren Kraft und Größe und auf Grund ihrer Funktion (Rolle...) zum Modell werden. Dass ihnen Superman und die "wilden Kerle" gefallen, hat ihnen niemand vorgeschrieben, sie sind ja durchaus ängstlich und wissen noch nichts davon, dass man später um den Arbeitsplatz und um Marktanteile konkurrieren muss. Im Gegenteil, sie verstoßen dauernd gegen Erziehungsziele wie Friedlichkeit, Kompromissbereitschaft, Toleranz.
- Es stimmt nicht, dass kleine Jungen dumm und faul seien, dass sie sich nicht anstrengen wollen, im Gegenteil: Sie strengen sich laufend an, eher zuviel als zu wenig. Nur hat ihr Interesse eine andere Richtung als Gespräche, gemeinsames Singen, auf Anordnung Teppiche knüpfen und Blätter sammeln. Sondern: Fliegen die Klötze weiter, wenn ich einen höheren oder einen niedrigeren Turm umtrete? Wie bekomme ich den Ball ins Tor? Wie kann ich mit Papier einen möglichst lauten Knall erzeugen? Physik eben, Mathematik auch, es wird offenbar gerne geknobelt, gebastelt, ein überschaubares Problem geknackt, allein oder zu zweit, wenn einem sonst niemand dazwischenquatscht.
- Jahrhundertelang hat es doch geklappt mit der Erziehung von Jungen: Heinrich von Kleist und Franz Kafka, Karl Marx und Gregor Mendel, Georg F. W. Hegel und Werner Heisenberg, Carl Gauss und Robert Koch ... Und heute sind Jungs die Bildungsverlierer, sie stehen im Durchschnitt eine volle Note schlechter in der Schule als die Mädchen. Nur hatten die Jungen vor den 70er Jahren und in den Jahrhunderten davor keine Synapse mehr im Kopf. - Was passt da nicht? Irgendetwas funktioniert offenbar nicht mehr, was einmal funktioniert hat.
- Seit etwa den 70er Jahren hat sich in der Erziehung und in der Erziehungswissenschaft, in Familie, Kindergärten und Schulen eine psychologische Grundströmung geändert; sie lautet seitdem etwa so: Kinder sollen sich selbst regulieren, im Rahmen der institutionellen "Spielräume", versteht sich. Das hieß bis vor kurzem in der Schulordnung von Nordrhein-Westfalen "Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung". Das Problem dabei ist die zweite Hälfte, in der eine Bedingung für die erste Hälfte aufgemacht wird. Was den Jungen also abverlangt wird, ist Wahrnehmung, Akzeptanz und Verinnerlichung der Erziehungsziele - kurz Empathie. Die kleinen Jungen sollen sich so verhalten, als wären sie kleine Mädchen. Das funktioniert nicht.
- Und je üblicher das Denken in Siegern und Opfern für Erwachsene und längst schon für Jugendliche wird, desto mehr fühlen sich halt die kleinen Jungs in ihren unschuldigen Späßen und Interessen bestätigt, da kann die Erziehung noch so sehr Empathie verlangen.
- Die Alternative ist recht einfach. Jungen interessieren sich für drei Fragen: Wer ist der Boss? Wie lauten die Regeln? Wie funktioniert das?
© Juli 2011, Michael Kraus
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