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Wie Ödipus leben: König und Ehemann werden
Ödipus überwinden: Wunsch und Gesetz miteinander vereinen
Das Drama um 425 v. Chr.
Ödipus, Sohn des Laios, des Königs von Theben, und der Iokaste, wird wegen eines Orakelspruches, wonach er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde, als Kind ausgesetzt, aber von Hirten gerettet und aufgezogen. Nachdem ihm das delphische Orakel sein Schicksal bestätigt hat, tötet er, ohne die Identität des Gegners zu erkennen, im Streit vor der Stadt seinen Vater Laios, befreit Theben von der Sphinx, indem er ihr Rätsel löst, und erhält als Lohn den Thron des verstorbenen Laios und die Hand der Königin, deren wahre Identität als seine Mutter er ebenfalls nicht erkennt.
Bald darauf wütet in Theben die Pest. Das delphische Orakel, das nun wegen dieser Strafe der Götter befragt wird, verlangt, den Mörder des Laios zu fassen und durch Ächtung oder Tod zu strafen. Nun beginnt die Ermittlungsarbeit des Ödipus'.
Der von Ödipus herbeigerufene Seher verkündet nach langem Sträuben, Ödipus selbst sei der Gesuchte. Dieser weist die Beschuldigung vorläufig zurück, die Indizien häufen sich aber zu Ödipus' Ungunsten. Die letzte Zeugenaussage überführt ihn des Mordes und des Inzestes. Iokaste erhängt sich nach der Aufdeckung der Tat mit ihrem Brautschleier, Ödipus blendet sich mit ihren Schmuckspangen und irrt, von seiner Tochter begleitet, in der Fremde umher.
Soweit der Inhalt der Sage, die von Sophokles, einem griechischer Tragiker aus Athen, 427 v. Chr. zu einem Bühnenstück gemacht wurde.
Schuldlos schuldig (Sophokles) bzw. unbewusste Libido (Freud) - der ödipale Wunsch
Ödipus scheint zunächst unschuldig in sein Verderben gelaufen zu sein: Unwissenheit, Krönung und Vermählung erfolgten allseits in bestem Glauben. Jedermann war willens, dem Helden die Krönung und die Ehe mit der verwitweten Königin zuteil werden zu lassen. Der Ödipus des Sophokles gerät nicht in den Verdacht, die sexuelle Verbindung mit der Muter gewollt und die Beseitigung des Vaters mit Absicht vollbracht zu haben. Und doch: Obgleich Ödipus ohne Hintergedanken agiert, offenbart diese Figur ausdrücklich eine zweite Handlungsebene. Denn Ödipus war, lange vor der Entwicklung zur eigentlichen Katastrophe, nämlich nach seiner Kindheit bei den Hirten, durch das delphische Orakel über den Inhalt der göttlichen Weissagung, eben den vorausgesagte Inzest und Vatermord, informiert. Er trug damals dem Gewicht dieses Orakels Rechnung, indem er fortzog von den Personen, die er für seine Eltern hielt, den Hirten.
Nun vollzieht er, in trügerischer Sicherheit handelnd, wovor das Orakel gewarnt hat: Er begibt sich in tätliche Auseinandersetzung und lässt sich in ein Heiratsprojekt ein. Er erkennt im Kampf den Vater nicht und entwickelt keine Tötungshemmung. Er erkennt in der (älteren) Braut die Mutter nicht und entwickelt keine Hemmung, die sexuelle Verbindung zu vollziehen.
Freud nimmt in seinem Gesamtwerk etwa zwei Dutzend Male Bezug auf die Sage und die Tragödie des Sophokles. Die Figur des König Ödipus - unwissentlicher Vatermord und Inzestwunsch - fanden Freuds Interesse nicht etwa, weil König Ödipus für Freud der erste Neurosekranke gewesen wäre, sondern vielmehr, weil hier aus seiner Sicht Handlungs- und Beziehungskonstellationen gestaltet werden, die jedes Kind in seiner frühen Entwicklung durchläuft und notwendig durchlaufen muss, damit sich sein Über-Ich in gesellschaftlich akzeptabler Weise entwickelt.
Freud 1921 zu seiner Theorie des Ödipuskomplexes
Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexualtriebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes kennen gelehrt. Alle die Gefühle, welche das Kind für seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen sich ohne Schranke in die Wünsche fort, welche dem Sexualstreben des Kindes Ausdruck geben. Das Kind verlangt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten, die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, beschauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei ihren intimen Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein, es verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu heiraten, was immer es sich darunter vorstellen mag, setzt sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durchleuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittelbare Zusammenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Gefühle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen uns dar, in wie gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum Objekt aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexualbestrebungen macht. (S. 77)
Der kleine Knabe legt ein besonderes Interesse für seinen Vater an den Tag, er möchte so werden und so sein wie er, in allen Stücken an seine Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt den Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit einer passiven oder femininen Einstellung zum Vater (und zum Manne überhaupt) zu tun, es ist vielmehr exquisit männlich. Es verträgt sich sehr wohl mit dem Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft.
Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater, vielleicht sogar vorher, hat der Knabe begonnen, eine richtige Objektbesetzung der Mutter nach dem Anlehnungstypus [Anlehnung nach Freud: Verbindung von vitalen Funktionen mit Sexualität; MK] vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei psychologisch verschiedene Bindungen, zur Mutter eine glatt sexuelle Objektbesetzung, zum Vater eine vorbildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine Weile nebeneinander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder Störung. Infolge der unaufhaltsam fortschreitenden Vereinheitlichung des Seelenlebens treffen sie sich endlich und durch dies Zusammenströmen entsteht der normale Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, dass ihm der Vater bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung mit dem Vater nimmt jetzt eine feindselige Tönung an und wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch bei der Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben von Anfang an ambivalent, sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zärtlichkeit wie zum Wunsch der Beseitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein Abkömmling der ersten oralen Phase der Libidoorganisation, in welcher man sich das begehrte und geschätzte Objekt durch Essen einverleibte und es dabei als solches vernichtete. [...] Dasselbe gilt mit den entsprechenden Ersetzungen auch für die kleine Tochter. (S. 44f)
Aus: Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, zuerst 1921; hier zit. aus: Fischer TB, 1967.
Freud 1923 zu seiner Theorie des Ödipuskomplexes
Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig entwickelt es für die Mutter eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust ihren Ausgang nimmt und das vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem Anlehnungstypus zeigt; des Vaters bemächtigt sich der Knabe durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch die Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht. Die Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu beseitigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhältnis zum Vater ambivalent [...].
Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre Stelle kann zweierlei treten, entweder eine Identifizierung mit der Mutter oder eine Verstärkung der Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den normaleren anzusehen, er gestattet es, die zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße festzuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes hätte so die Männlichkeit im Charakter des Knaben eine Festigung erfahren. In ganz analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des kleinen Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung (oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weiblichen Charakter des Kindes festlegt. [...]
So kann man als allgemeinstes Ergebnis der vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase einen Niederschlag im Ich annehmen [...]. Diese Ich-Veränderung behält ihre Sonderstellung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als Ich-Ideal oder Über-Ich entgegen.
Das Über-Ich [...] erschöpft sich nicht in der Mahnung: "So (wie der Vater) sollst du sein", sie umfaßt auch das Verbot: "So (wie der Vater) darfst du nicht sein, das heißt nicht alles tun, was er tut; manches bleibt ihm vorbehalten." Dies Doppelangesicht des Ichideals leitet sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur Verdrängung des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem Umschwung erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipuskomplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. [...] Das Über-Ich wird den Charakter des Vaters bewahren, und je stärker der Ödipuskomplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluß von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das Über-Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl über das Ich herrschen. [...] Im weiteren Verlauf der Entwicklung haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und üben jetzt als Gewissen die moralische Zensur aus. Die Spannung zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den Leistungen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf Grund des gleichen Ich-Ideals.
Aus: Sigmund Freud, Das Ich und das Es (1923); Kapitel III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal)
Freud 1924 zu seiner Theorie des Ödipuskomplexes
Unser Sinn ist neuerlich für die Wahrnehmung geschärft worden, daß die Sexualentwicklung des Kindes bis zu einer Phase fortschreitet, in der das Genitale bereits die führende Rolle übernommen hat. Aber dies Genitale ist allein das männliche, genauer bezeichnet, der Penis, das weibliche ist unentdeckt geblieben. Diese phallische Phase, gleichzeitig die des Ödipuskomplexes, entwickelt sich nicht weiter zur endgültigen Genitalorganisation, sondern sie versinkt und wird von der Latenzzeit abgelöst. Ihr Ausgang vollzieht sich aber in typischer Weise und in Anlehnung an regelmäßig wiederkehrende Geschehnisse. Wenn das (männliche) Kind sein Interesse dem Genitale zugewendet hat, so verrät es dies auch durch ausgiebige manuelle Beschäftigung mit demselben und muß dann die Erfahrung machen, daß die Erwachsenen mit diesem Tun nicht einverstanden sind. Es tritt mehr oder minder deutlich, mehr oder weniger brutal, die Drohung auf, daß man ihn dieses von ihm hochgeschätzten Teiles berauben werde. Meist sind es Frauen, von denen die Kastrationsdrohung ausgeht, häufig suchen sie ihre Autorität dadurch zu verstärken, daß sie sich auf den Vater oder den Doktor berufen, der nach ihrer Versicherung die Strafe vollziehen wird. In einer Anzahl von Fällen nehmen die Frauen selbst eine symbolische Milderung der Androhung vor, indem sie nicht die Beseitigung des eigentlich passiven Genitales, sondern die der aktiv sündigenden Hand ankündigen. [...]
Erst nachdem eine neue Erfahrung gemacht worden ist, beginnt das Kind mit der Möglichkeit einer Kastration zu rechnen, auch dann nur zögernd, widerwillig und nicht ohne das Bemühen, die Tragweite der eigenen Beobachtung zu verkleinern.
Die Beobachtung, welche den Unglauben des Kindes endlich bricht, ist die des weiblichen Genitales. Irgend einmal bekommt das auf seinen Penisbesitz stolze Kind die Genitalregion eines kleinen Mädchens zu Gesicht und muß sich von dem Mangel eines Penis bei einem ihm so ähnlichen Wesen überzeugen. Damit ist auch der eigene Penisverlust vorstellbar geworden, die Kastrationsdrohung gelangt nachträglich zur Wirkung. [...]
Der beschriebene Vorgang bezieht sich, wie ausdrücklich gesagt, nur auf das männliche Kind. Wie vollzieht sich die entsprechende Entwicklung beim kleinen Mädchen?
Unser Material wird hier - unverständlicherweise - weit dunkler und lückenhafter. Auch das weibliche Geschlecht entwickelt einen Ödipuskomplex, ein Über-Ich und eine Latenzzeit. Kann man ihm auch eine phallische Organisation und einen Kastrationskomplex zusprechen? Die Antwort lautet bejahend, aber es kann nicht dasselbe sein wie beim Knaben. Die feministische Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter trägt hier nicht weit, der morphologische Unterschied muß sich in Verschiedenheiten der psychischen Entwicklung äußern. [...]
Seinen aktuellen Mangel versteht das weibliche Kind aber nicht als Geschlechtscharakter, sondern erklärt ihn durch die Annahme, daß es früher einmal ein ebenso großes Glied besessen und dann durch Kastration verloren hat. Es scheint diesen Schluß nicht von sich auf andere, erwachsene Frauen auszudehnen, sondern diesen, ganz im Sinne der phallischen Phase, ein großes und vollständiges, also männliches Genitale zuzumuten. Es ergibt sich also der wesentliche Unterschied, daß das Mädchen die Kastration als vollzogene Tatsache akzeptiert, während sich der Knabe vor der Möglichkeit ihrer Vollziehung fürchtet.
Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst entfällt auch ein mächtiges Motiv zur Aufrichtung des Über-Ichs und zum Abbruch der infantilen Genitalorganisation. Diese Veränderungen scheinen weit eher als beim Knaben Erfolg der Erziehung, der äußeren Einschüchterung zu sein, die mit dem Verlust des Geliebtwerdens droht.
Aus: Sigmund Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes (1924).
Schlussbemerkung: Kritik
Unbestritten ist, dass kleine Jungs gerne mal mit Mama schmusen, dass kleine Mädchen vielleicht eine Zeit lang Papa heiraten wollen. Jeder weiß auch, dass der erwachende Wille des Kindes sich mit etwa drei Jahren in einer so genannten Trotzphase äußert. Und dass die (väterliche) Autorität beim Kind Gewissen und Moral durchsetzt, wusste man auch schon seit ein paar hundert Jahren.
Aber spätestens nach der Lektüre von Freuds Originaltexten ist klar, dass Freuds Theorie des Ödipuskompkexes nicht einfach eine wissenschaftliche Fassung dieser Phänomene ist. Sondern hier werden mit einer Theorie, die getrennt von der Analyse der Psyche entwickelt wird, psychische und sonstige Phänomene eben dieser Theorie untergeordnet. - Den Nachweis führe ich kurz und knapp in der Schlussbemerkung, weiter auch in der Schlussbemerkung der Seite zum psychischen Apparat.
Übrig bleibt die Frage, warum diese Psychoanalyse, die eben keine Analyse der Psyche ist, bis heute fortlebt.
These: Dass mein Leben recht eigentlich nicht in meiner Hand liegt, dass ich nicht Herr meines Lebens bin, scheint allgemein bekannt zu sein. Diese dunkle Ahnung wird aber übersetzt in: In mir arbeiten dunkle Kräfte... - Psychologie.
© Michael Kraus, November 2010