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Kohlberg: Stufen der moralischen Entwicklung
- Kohlberg formuliert zwar äußerst kompliziert, die Gedanken an sich sind aber nicht schwierig:
- Moral entwickelt sich, d.h. ist nicht angeboren.
- Die Richtung der Entwicklung der Moral geht laut Kohlberg von der Orientierung an äußeren Zwängen (die die Eltern setzen) zur Orientierung am engeren Freundeskreis und schließlich zur Moral, die verinnerlicht wird als menschheitsumspannende Prinzipien.
Hier nun eine Veranschaulichung. Die Dilemmageschichte von Heinz kennt wohl jeder (todkranke Ehefrau, raffgieriger Apotheker, was soll Heinz tun). Danach gibt es hier noch eine weitere Veranschaulichung an einer Geschichte, die so ähnlich bei Piaget vorkommt (in seinem Buch "Das moralische Urteil beim Kinde"; von wegen "immer nur kognitiv"!). Diese Geschichte geht hier so:
In einem größeren Zeltlager ist ein Brötchendienst für das Frühstück eingerichtet. Reihum ist jeder einmal dran, Brötchen mit dem Fahrrad vom zwei Kilometer entfernten Bäcker zu holen. Heute ist eine attraktive, aber anstrengende Bootstour geplant, Start pünktlich um neun Uhr. Der Brötchendienst - Max - hat heute aber versagt. Was würdest du tun?
Warum Max versagt hat, wird hier bewusst offen gelassen. Man präsentiere die Geschichte einmal Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Altersstufen. Dabei sind alle Details (größere Gruppe, Bootstour...) wichtig.
| Beispiel "Heinz" | Beispiel "Zeltlager" | Zitate, Redeweisen | |
| Autoritätsmoral | |||
| Stadium 1: Orientierung an Bestrafung und Gehorsam | Heinz stiehlt nichts, weil er nicht ins Gefängnis will. Oder: Heinz stiehlt das Medikament und achtet darauf, nicht erwischt zu werden. | Max muss unbedingt die Brötchen holen und wird darüber hinaus bestraft. Wenn ich Max kenne und ihm helfen will, dann vernichten wir schnell den Zettel mit dem Brötchendienst. | Du darfst alles, du darfst dich nur nicht erwischen lassen. Ich war's nicht. Ich habe nichts gemacht. |
| Stadium 2:egoistische Orientierung | Heinz stiehlt, weil ihm seine Frau vor kurzem auch geholfen hat. Er nimmt noch ein paar dieser Medikamente mit, um sie teuer zu verkaufen. Er verprügelt den Apotheker. | Ich hole für mich zwei Brötchen. Oder: Ich mache heute den Brötchendienst im Tausch mit Max. Oder: Ich hole für alle Brötchen außer für Max. | Wie du mir, so ich dir. Was kriege ich dafür? Ich habe das doch nicht extra gemacht. |
| Gruppenmoral | |||
| Stadium 3: Orientierung an sozialer Anerkennung (in der Clique, Gruppe) | Heinz stiehlt das Medikament, um von seiner Frau und von seinen Freunden bewundert zu werden. | Ich mache heute den Brötchendienst, um von allen bewundert zu werden (obwohl ich Muskelkater... habe). Ich werfe Max sein unsoziales Verhalten vor. - Wenn Max mein Freund, hole ich für ihn heute die Brötchen. | Wie peinlich! Voll uncool! |
| Stadium 4: Orientierung an Gesetz und Ordnung | Heinz stiehlt nichts (§ 244 StGB u.a.), er zeigt den Apotheker wegen Preistreiberei / Wucher... an, er arbeitet sich in das Arzneimittelversorgungs- Wirtschaftlichkeitsgesetz hinein... | Max ist dran, das war vereinbart, hier ist die Liste! Ein Ersatz wird abgestimmt oder es ist der Nächste auf der Liste dran. | Vorschrift ist Vorschrift. Ordnung muss sein. Es wird gemacht, was da steht. Alle müssen sich an die Spielregeln halten. Ich habe mich immer nur an die Vorschriften gehalten. Führer befiehl, wir folgen. |
| Grundsatzmoral | |||
| Stadium 5: Orientierung am Grundgesetz: An dessen Artikeln müssen sich alle Gesetze und die Rechtsprechung messen lassen. | Heinz engagiert sich (Zeitung, Partei...) für eine Änderung der Rechtsprechung oder der Gesetze ("mildernde Umstände", Änderungsantrag bei der Preisbindung für Medikamente...) | Ein Ersatzdienst wird ausgelost - oder: Es muss auf einer Ersatzliste gesichert werden, was z.B. bei Krankheit geschieht. Bei einem Fehlverhalten von Max frage ich auch, ob andere nicht eine Mitschuld trifft. | Immer mit Augenmaß den Einzelfall prüfen - im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, versteht sich. |
| Stadium 6: Orientierung an Menschenrechten und Menschenwürde | Heinz bricht beim Apotheker ein, stiehlt die Arznei, legt alles gesammelte Geld auf den Tisch und zeigt sich selbst an. Er vertraut auf die Menschlichkeit aller Rechtsprechung und will sich selbst verteidigen. | Ich hole heute für alle Brötchen, damit wir die Bootstour machen können. Später werde ich Freizeitpädagogik studieren und das Buch von einem gewissen Kohlberg lesen. | Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, / Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, / Wenn unerträglich wird die Last - / greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel, / Und holt herunter seine ew'gen Rechte... (Schiller: Wilhelm Tell) Ein Ende muss diesem Unstaat möglichst bald bereitet werden ... passiver Widerstand, Sabotage... (Weiße Rose) |
Fazit
Kohlbergs Modell enthält eine Lücke: Das Modell beschreibt, woran sich die Menschen moralisch orientieren: an Strafe, Gesetzen, Menschenrechten. Aber woher haben diese wiederum ihren Inhalt? Welche Werte gelten?
Wenn ich meine Moral an der Clique ausrichte: Welche Moral hat die Clique? Cool sein? Null Bock haben? Make Love not War? Rock around the clock? Führer befiehl, wir folgen? Aus grauer Städte Mauern ziehn wir durch Wald und Feld? Dazu sagt Kohlbergs Modell nichts.
Es beschreibt den Verlauf der individuellen Aneignung von Moral und nicht, welche Moral warum gilt. Daher fehlt dem ganzen Entwicklungsmodell das Fundament.
© Michael Kraus, März 2012