Material für den Pädagogikunterricht
Empirische Daten zur Jugendgewalt ...
... vom kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)
Das KFN, Leiter Christian Pfeiffer, veröffentlicht permanent Material aus Befragungen zum Verhältnis Täter - Opfer, Daten über belastende Faktoren für delinquentes Verhalten Jugendlicher und über den Anteil von Migranten an Jugendkriminalität, es macht anonyme Befragungen (Dunkelfeldforschung), erarbeitet auch Vorschläge zur Prävention, sichtet theoretische Modelle zur Jugendgewalt usw. - Allerdings können noch so viele empirische Daten, die dann auf die raffiniertesten Weisen miteinander verrechnet werden, Erklärungen nicht ersetzen, es sind keine Erklärungen. Denn Erklärungen arbeiten Gründe für etwas heraus, empirische Forschung liefert Zusammenhänge. Dazu ein Beispiel:
Haben dunkle Augen etwas mit Jugendkriminalität zu tun? Antwort: Ja. Etwas. Irgendetwas. Die Gruppe der männlichen Jugendlichen mit türkischer oder arabischer Zuwanderungsgeschichte korreliert sehr hoch mit gewaltaffinen Risikogruppen (um es einmal kompliziert zu formulieren). Lasen dagegen haben meist grüne Augen, Georgier blaue, Osmanen nun haben fast alle dunkle Augen. Aber die Farbe der Iris ist natürlich niemals der Grund für Kriminalitätsbelastung! Ob Phänomen x für Phänomen y der Grund, die Folge, eine zufällige Begleiterscheinung oder eine über mehrere Stufen abgeleitete Begleiterscheinung ist (das wäre hier der Fall), das muss die Analyse, das Nachdenken und Argumentieren herausarbeiten, rechnen allein ist da nur der Ausgangspunkt. Übrigens ist die Korrelation von Jugendgewalt mit der Augenfarbe nicht dümmer als mit dem Ausweis.
Außerdem soll nicht verschwiegen werden, dass es an den Veröffentlichungen des KFN auch Kritik gibt (z.B. im Spiegel oder in der NZZ).
Die Stärke der KFN-Texte ist aber einfach ihre breite, aktuelle empirische Basis. - In diesem Sinne:
Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt
Zitate (hellblau unterlegt - siehe den Hinweis zum Drucken), Exzerpt und eigene Kommentare
- Gewalterfahrungen in Familie und Schule
Für mehr als drei Viertel aller Jugendlichen gehörte Gewalt in den zwölf Monaten vor der Befragung nicht zu ihrem persönlichen Erfahrungsbereich.
Andererseits gaben fast 17% der befragten Jugendlichen an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Opfer einer Gewalttat geworden zu sein. Wo erlebten sie diese Gewalt? Jeder fünfte Jugendliche in der Familie, und auch jeder fünfte in der Schule durch Mitschüler.
- Rückläufige Gewaltbereitschaft
Abweichend von der gefühlten Meinung in der Öffentlichkeit stellt das KFN fest:
Zur Entwicklung der Jugendgewalt zeigen die Befunde der Dunkelfeldforschung seit 1998 insgesamt betrachtet eine gleichbleibende bis rückläufige Tendenz. Das KFN erklärt dies mit dem Anstieg präventiv wirkender Faktoren und dem Sinken gewaltfördernder Lebensbedingungen der Jugendlichen. Diese Tendenz wird in vier Teil-Tendenzen zerlegt:- Die befragten Jugendlichen akzeptieren zunehmend weniger Gewalt als ihr eigenes Mittel zur Durchsetzung von Gewalt.
- Sie merken auch, dass Erziehung und vor allem gleichaltrige Freunde es missbilligen würden, wenn sie Gewalt anwenden würden.
- - Die Bereitschaft, selbst erlebte Gewalt zur Anzeige zu bringen, ist gestiegen.
- Diese eigene Neigung kennen die Jugendlichen auch von anderen Jugendlichen, so dass also das Risiko steigt, bei Delikten offiziell zur Verantwortung gezogen zu werden. - - Der Anteil der Jugendlichen, die in den letzten zwölf Monaten keine elterliche Gewalt erlebt hat, ist deutlich gestiegen.
- Allgemein hat der Anteil der Jugendlichen, die in der Kindheit völlig gewaltfrei erzogen wurden, besonders in den Städten stark zugenommen.
- Mehr Körperverletzungen
Empirisch bedeutet die zunehmende Anzeigenbereitschaft bei Jugendgewalt, dass sich mehr Fälle vom Dunkelfeld ins Hellfeld verlagern. Und das wiederum bedeutet eben noch einmal, dass die seit 1995 um 26% gestiegene Jugendgewalt eine statistische Größe ist und nicht direkt etwas über die wirklich gestiegene oder eben nicht gestiegene Jugendgewalt aussagt. Anders ist es bei Körperverletzung: Hier übersteigt die polizeilich registrierte Zunahme jugendlicher Gewalt (+ 54%) wirklich die gestiegene Anzeigenbereitschaft, das heißt bei Körperverletzung und schwerer Körperverletzung (siehe die U-Bahn-Schläger) handelt es sich wirklich um ein ansteigendes Phänomen.
- Etikettierungen
Wer zeigt wen an? Hier sollen einmal Zahlen beiseite gelassen und nur die Haupttrends gezeigt werden: Deutsche Opfer zeigen weniger deutsche Täter, sondern viel leichter jugendliche Migranten an. Dagegen werden deutsche Täter am relativ seltensten von Opfern mit Zuwanderungsgeschichte angezeigt. Und relativ selten zeigen jugendliche Migranten als Opfer auch ihre jugendlichen Landleute als Täter an. Pfeiffer: "Im Ergebnis wird damit deutlich, dass junge Migranten als Täter ein weit höheres Risiko haben, sich mit ihren Taten vor Gericht verantworten zu müssen als junge Deutsche. Sie sind dadurch in allen Bereichen und Statistiken der Strafverfolgung deutlich überrepräsentiert" - ohne dass ihre Gewaltbereitschaft schon höher liegen müsste.
Weiteres dazu im Etikettierungsansatz oder in Phase fünf von Quensels "Teufelskreismodel": Der Jugendliche übernimmt die Definition in sein Selbstbild...
In dieses sozusagen flexible Anzeigenverhalten passt auch, dass die Gewaltbelastung in ländlichen Regionen niedriger ist als in Großstädten, was jedenfalls teilweise auch darauf beruhen dürfte, dass auf dem Lande Konflikte eher ohne Polizei geregelt werden.
- Belastende Faktoren
Fakt ist aber trotz unterschiedlicher Anzeigenbereitschaft, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger Gewalttaten begehen als deutsche Jugendliche. - Um wen geht es? "Bei den Mehrfachtätern erreichen Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 9,4 % den höchsten Wert, gefolgt von jungen Türken mit 8,3 %. Am anderen Ende der Skala stehen Jugendliche aus Asien mit 2,6 % und deutsche Jugendliche mit 3,3 %."
Dies sind Zahlen, bei denen das Hellfeld (also die polizeiliche Kriminalitätsstatistik) und das Dunkelfeld (also anonyme Täter- und Opferbefragungen) miteinander abgeglichen wurden. Das KFN fährt fort:
"Diese Unterschiede gleichen sich aber vollständig aus, wenn man differenzierter vergleicht, d.h. Jugendliche unterschiedlicher Herkunft mit denselben familiären, schulischen und sozialen Rahmenbedingungen sowie übereinstimmenden Werteorientierungen einander gegenüber stellt. Die insgesamt deutlich höhere Gewalttäterquote von jungen Migranten beruht danach auf mehreren Belastungsfaktoren, die bei ihnen weit stärker ausgeprägt sind als bei deutschen Jugendlichen. Von zentraler Bedeutung ist dabei, dass junge Migranten weit häufiger als deutsche Jugendliche Opfer innerfamiliärer Gewalt werden. Besonders hoch belastet sind hier Jugendliche, deren Eltern aus der Türkei, aus dem früheren Jugoslawien sowie aus arabischen oder afrikanischen Ländern stammen. Die Erfahrung innerfamiliärer Gewalt erhöht zum einen unmittelbar die Gewaltbereitschaft der Betroffenen deutlich. Zum anderen treten bei diesen Jugendlichen die vier Belastungsfaktoren, die ihrerseits die Gewaltbereitschaft fördern, wesentlich häufiger auf. Dies gilt für den
- Alkohol- und Drogenkonsum,
- die Akzeptanz gewaltorientierter Männlichkeitsnormen (sogenannte "Machokultur"),
- für das Schulschwänzen und für die
- Nutzung gewalthaltiger Medieninhalte.
Der Alkohol- und Drogenkonsum fällt bei jungen Muslimen zwar schwächer aus als bei den anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder den deutschen Jugendlichen, dafür sind sie aber von den anderen Belastungsfaktoren besonders stark betroffen."
Hierzu übrigens ein Hinweis von außerhalb des KFN: Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte sind doppelt belastet: als Täter und Opfer. Überdurchschnittlich viele Migrantenkinder sind 2011 nach einer Studie der Uni Lüneburg "bedrückt".
- Lernen am Modell
"Der stärkste Einfluss auf Jugendgewalt geht von der Zahl der delinquenten Freunde aus, mit denen die Jugendlichen in ihrem sozialen Netzwerk verbunden sind." Es ist also laut KFN die Clique, die Peergroup, die mehr als Familie, Armut, Alkohol die Gewaltneigung fördert - oder eben auch hemmt. In der trockenen Sprache der Empiriker: "Wer mehr als fünf delinquente Freunde hat, ist mit 21,3 % um etwa das 50- fache häufiger Mehrfachtäter als ein Jugendlicher ohne delinquente Freunde (0,4 %). Die Zahl der delinquenten Freunde hängt wiederum mit anderen Belastungsfaktoren zusammen wie etwa dem Schulschwänzen, einem hohen Alkohol- und Drogenkonsum sowie der intensiven Nutzung gewalthaltiger Medieninhalte. Zu beachten ist ferner, dass die sozialen Netzwerke der Jugendlichen in hohem Maß durch ihren Schulbesuch sowie ihre Freizeitaktivitäten geprägt werden. Da es an Hauptschulen und Förderschulen zunehmend zu einer Konzentration von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen mit vergleichsweise hoher Delinquenzbelastung gekommen ist, kann es nicht überraschen, dass sich der Besuch dieser Schultypen heute (...) als eigenständiger Verstärkungsfaktor der Jugendgewalt erweist. Entsprechendes hat sich bei einer im Jahr 2006 in Hannover durchgeführten Untersuchung zum Besuch von Freizeitzentren gezeigt, weil sich auch dort eine starke Konzentration von delinquenten Jugendlichen ergeben hat."
Testfrage 1: Was hat so eine noch relativ harmlose Sache wie das Schulschwänzen mit Jugendkriminalität zu tun?
Testfrage 2: Was folgt daraus für die Hauptschulen?
- Prävention
Den stärksten - machbaren - Erfolg bringt die Verbesserung von Bildungschancen, hier wirkt Prävention. Und hier wiederholt sich auch andersherum die Belastung junger Türken, denn diese finden sich überdurchschnittlich häufig in den Hauptschulen. Das KFN wird da etwas umständlich:
"Offenbar hängt diese divergierende Entwicklung von türkischen Jugendlichen auch damit zusammen, dass die sehr unterschiedliche Bildungsintegration Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Freundschaftsnetzwerke der Jugendlichen hat." Auf Deutsch: Wenn türkische (= türkisch-stämmige) Jugendliche einfach nicht hineinkommen oder hineingehen in die Freundschaftskreise der deutschen Gymnasiasten, weil sie sich von ihren Umgangsformen und auch von ihren schulischen Erfolgen oder Misserfolgen her auf den Gymnasien eher wie Fremdkörper vorkommen, dann bleiben eben auch da die türkischen jungen Männer unter sich ...
- Ostdeutsche Schüler
Am Schluss schneidet das KFN noch ein anderes Thema an: "Ostdeutsche Schüler fallen durch die höchsten Quoten beim Antisemitismus und Rechtsextremismus auf."