Material für den Pädagogikunterricht
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Selbstverwirklichung und Jugendgewalt
Eine Passage aus Freerk Huiskens Buch: "Jugendgewalt"
1.) Fehlurteile über Erfolg und Misserfolg
Nimmt man die Frage, wo der aus der Rolle fallende Teil des Nachwuchses "denn das" (gemeint ist Vandalismus, so genannte "sinnlose Gewalt", die Taten von "Crash-Kids"; MK) gelernt hat, einmal beim Wort, so liegt die Antwort offen zutage: Das Prinzip seines Treibens, das Beharren auf dem Anspruch unbedingter Geltung, das hartnäckige Bemühen, im Vergleich mit anderen als Sieger akzeptiert zu werden, das hat der Nachwuchs von der Welt, in der der Ernst des Lebens regiert, abgekupfert! Es ist in diesen Breitengraden nämlich nicht gebräuchlich, Menschen ganz einfach danach zu beurteilen, was sie wollen und was sie tun, was sie wissen und was sie können. Dass man besser als ..., stärker als ..., schöner als ..., reicher als ... sein muss, dass Menschen ganz prinzipiell nur zu etwas kommen, wenn sie aus einem Vergleich als Sieger hervorgehen, den andere als Verlierer verlassen, dass darüber der Wert einer Person ermittelt wird, scheint jedermann bereits in Fleisch und Blut übergegangen zu sein.
Und selbst die übertriebenen Praktiken der Kids sind der Welt der Erwachsenen entlehnt. Besonders dann, wenn zusätzlich der Alkohol die Alltagsbedenklichkeiten zurückgedrängt hat, endet so mancher Streit im Wirtshaus mit blutigen Nasen, so manche Demonstration von PS-Leistungen am Baum und so manche Beschimpfung mit eingeschlagenen Fensterscheiben.
Von einer Kritik an dieser Vergleicherei, die deswegen immer gleich ernst wird, weil ihr die Urteile über den Wert des Menschen entnommen werden, ist hierzulande weit und breit nichts zu vernehmen. Allenfalls wird angemahnt, Auswüchse zu unterbinden. Woher sollte die Kritik auch kommen, wo das Vergleichen sich als Volkssport bis in die tiefsten Winkel des Privat- und Intimlebens hinein vorgearbeitet hat. Verglichen und gemessen wird selbst noch in Liebesdingen, was denen selten gut bekommt. Rücksichtslosigkeit gegenüber Wünschen und Gefühlen anderer Menschen, gegenüber dem eigenen Portemonnaie oder der eigenen Leber ist eingeschlossen und fällt schon gar nicht mehr auf. Folglich bleibt auch der Nachwuchs von solcher Kritik verschont.
Da die Kids das Treiben der Erwachsenen sehr frühzeitig erfahren, bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sofern sie sich ihm anschließen, kopieren sie willentlich einen Umgang, der bei den Erwachsenen zu den selbstverständlichen Formen der Bewältigung gesellschaftlicher Lebensvorgaben gehört. So gesehen ist die Frage, wo die Kinder das gelernt haben, schnell beantwortet.
Allerdings muss der kleine Mensch - und ebenso der große -, der sich unbedingt als Sieger behaupten und darüber den besonderen Wert seiner Person unterstreichen will, dieses Motiv erst einmal bei sich ausgebildet, den Komplex an darin enthaltenen falschen Urteilen akzeptiert und zur Gewohnheit gemacht haben. Er muss bis zum Rand abgefüllt sein mit falschen Urteilen über die Welt, in der er lebt, seine eigene Stellung in ihr, über ihre Macher und Mitmacher, deren aufgegangene oder nicht aufgegangene Zwecke, also über Erfolg und Misserfolg.
Es muss ihm völlig geläufig sein, erstens jedes Urteil über die eigene Person ganz von dem Vergleich mit anderen abhängig zu machen; dabei zweitens die Frage der eigenen Befindlichkeit ganz in die Anerkennung zu verlagern, die man von anderen erfährt; und schließlich drittens das Leben über weite Strecken ganz danach auszurichten, dass man sich als anerkennungswürdiges Individuum präsentiert. Diese falschen Urteile folgen einer eigenen Logik, die es nachzuzeichnen, also zu kritisieren gilt. Der Grad ihrer Durchsetzung verweist darauf, dass sie keineswegs zufällig ist, sondern sich einer interessierten, auf das Einrichten in Verhältnissen, wie sie jeder kapitalistischen Gesellschaft eigen sind, zielenden Auseinandersetzung verdankt. Das bürgerliche Subjekt relativiert auf diese Weise im Geiste und mit den daraus folgenden praktischen Taten seinen Willen an den gesellschaftlich vorgefundenen Hindernissen, die seinen Interessen im Wege stehen. Es deutet alle Schwierigkeiten fehl und leitet konsequent falsche Schlussfolgerungen ab, die an den Schranken, die seinem Interesse entgegenstehen, nichts ändern, also - das lässt sich vorweg sagen - als Anpassungsleistungen erwünscht sind.
2.) Die Konkurrenz ...
Woher die Vergleicherei kommt, worin sie ihre gesellschaftliche Grundlage hat, ist kein Rätsel: Entnommen ist sie der Konkurrenz, dem hiesigen Prinzip der Verteilung von Menschen auf eine Hierarchie von Posten und Ämtern für feststehende gesellschaftliche Zwecke. Keineswegs ist sie "erfunden" als Methode zur Ermittlung der Wertigkeit der Subjekte, zur Bedienung von Geltungs- und ähnlichen, wenig vernünftigen Bedürfnissen. Und doch wird sie dahingehend umgedeutet.
Was die Konkurrenz ist und wie sie durch die Sieger und Verlierer gedeutet wird, das fällt also auseinander. Entgegen allen Auskünften, die die Schule erteilt, ist die Konkurrenz keine Sphäre, in der der Mensch ganz frei mit der Leistung als seinem Mittel seine Bedürfnisse erfüllen kann. Das scheitert schon daran, dass Konkurrenz zwangsläufig die Knappheit der Konkurrenzobjekte unterstellt. Das Mittel, dessen Einsatz verlangt wird, die Leistung, steht denn auch in keinem unmittelbaren Verhältnis zum Anliegen, das in der Konkurrenz verfolgt wird - sei dies nun ein Arbeitsplatz, eine höhere Lohngruppe oder eine bessere Schulnote. Die Leistung, zu der jedermann in der Konkurrenz verdonnert wird, erfüllt gar nicht das Bedürfnis, um das es den Konkurrenten geht - nicht einmal mehr oder weniger. Sie wird vielmehr in einer Leistungshierarchie zusammengefasst, mit deren Hilfe dann nach Kriterien, die mit der Leistung der Konkurrenzsubjekte nichts zu tun haben, über die Vergabe von Einkommen, Arbeit oder Noten entschieden wird. Es haben die Konkurrenten beim freien Kräftemessen weder Einfluss auf ihre eigene Anzahl, noch auf die Kriterien ihrer Vergleicherei und schon gar nicht auf den Umfang jener "Güter", um die sie konkurrieren. Weder bemisst sich die Zahl der Konkurrenten an den zu verteilenden Gütern, noch werden diese bei steigender Bewerberanzahl aufgestockt. Den Vergleich, in dem sie sich bewähren müssen, wenn sie in der bürgerlichen Gesellschaft nach Maßgabe ihres Eigentums Erfolg haben wollen, bestimmen nicht sie, sondern der wird mit ihnen angestellt. Die Gegenstände bzw. Ziele ihrer Konkurrenz liegen außerhalb ihrer Zugriffsmöglichkeiten. Müssten sie sonst um sie konkurrieren? Mit seiner individuellen Leistung kann der in die Konkurrenz eingespannte Mensch ihre entscheidenden Vorgaben also gar nicht beeinflussen. Da mag er sich im Betrieb oder in der Schule noch so sehr abrackern; ob er ans Ziel seiner Träume gelangt, liegt nicht an dieser Rackerei. Darüber entscheidet das Verhältnis seiner individuellen Leistung zu jener der Mitbewerber, zu denen er in einem Dauervergleich steht. Es wird eben in der Leistungsbeurteilung nicht jede besondere Leistung für sich qualitativ beurteilt, sondern ein Leistungsvergleich angestellt, in welchem jede besondere individuelle Leistung nur in Relation zu der aller Konkurrenten etwas gilt. und dass beides nicht dasselbe ist, wissen all jene Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, dass vermehrte Leistung überhaupt nur dann etwas bringt, wenn die Konkurrenten am "Leistungsprinzip" scheitern. Der individuellen Leistung verdankt sich also nicht einmal die Stellung in der Hierarchie der Konkurrenten.
Dass sich die Bedeutung der individuellen Leistungserbringung für die Bewerber relativiert, heißt nicht, dass auf sie verzichtet werden kann. sie ist für die Veranstalter und die Nutznießer der ganzen Vergleicherei von höchster Bedeutung. Mit ihrer individuellen Leistung erbringen die Konkurrenten nicht nur das Material, an dem sie dann nach sachgemäßen Kriterien sortiert werden. Es kommt in all den Vergleichen zugleich sehr auf die besondere Anstrengung des einzelnen an: Die Schulkonkurrenz ist zugleich der Bildungsprozess des Nachwuchses, die Konkurrenz am Arbeitsplatz verbessert das Lohn-Leistungsverhältnis für die Betriebe, und auf dem Arbeitsmarkt schlägt sich die individuelle Mehranstrengung als Verzicht auf angestammte Lohn- und Arbeitsverhältnisse nieder - was darauf verweist, dass auch der Arbeitslose in der Reservearmee seine ökonomische Funktion zu erfüllen hat. Womit sollten sich Arbeitskräfte denn auch sonst gegenüber den Betrieben profilieren und wechselseitig auszustechen versuchen! Die Chance, die sie damit wahrnehmen, ist mit dem Erfolg - einem einträglichen Arbeitsplatz - nicht zu verwechseln. Vielmehr wird auf diese Weise den Geschäftsleuten eine neue Grundlage für ihre Kalkulation zwischen der Arbeitskraft und der Maschinerie eröffnet.
Die Knappheit der zu verteilenden Güter stellt sich in den normalen Zeiten von Demokratie und Marktwirtschaft fast wie ein Naturgesetz ein: Diese Gesellschaft darf es sich nämlich nicht leisten, die Bedürfnisse all ihrer Mitglieder zu befriedigen. Das liegt nicht an einem Mangel an Lebens- oder Produktionsmitteln, sondern an ihrer kapitalistischen Form. Wo Reichtum in Geld gemessen und als Kapitalwachstum bilanziert wird, da braucht es notwendig und dauerhaft billige Arbeitskräfte, die lohnende Arbeit verrichten. Die Vergleicherei in Schule, Betrieb und auf dem Arbeitsmarkt bewerkstelligt also notwendig den Ausschluss der Mehrheit von allen Sphären, in denen es sich im Kapitalismus gut leben lässt. Die Konkurrenz bringt also nicht neben den Siegern auch und als leider nicht zu vermeidendes Abfallprodukt Verlierer hervor. Verlierer werden vielmehr massenhaft gebraucht - dafür sorgen Schule, Markt und die Verteilung des Privateigentums. Die Konkurrenz produziert Sieger also notwendig auf Kosten von Verlierern. Und dieses Ergebnis, der Ausschluss der Mehrheit von der Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum, steht als objektiver Zweck vor jedem Konkurrenzbeginn längst fest. Es wird unabhängig von den Konjunkturen des Marktes sichergestellt, also auch bei sogenannter Vollbeschäftigung.
Aussteigen kann aus diesem Getriebe nur, wer ohnehin ganz "dick drin" ist, d.h. über eine Reichtumsquelle verfügt, die getrennt von seiner Arbeitsleistung dauerhaft sprudelt. Alle anderen sind genötigt, sich der Konkurrenz zu unterwerfen, haben sich in ihr anzustrengen und sich - wenn ihnen schon nicht einfällt, dass sie als lohnarbeitende Konkurrenten zugleich über die Waffe verfügen, mit der sie den Nutznießern der Konkurrenz einen Strich durch ihre Rechnung machen könnten - mit den Resultaten, die ihnen die Vergleicherei beschert hat, abzufinden.
3.) ... und ihre Moral
Dies erledigt zum einen der Zwang der sachlichen Verhältnisse ziemlich flächendeckend. Denn dass man Geld verdienen, dass man sich dazu eine Arbeit suchen muss, dass der Erfolg dieser Suche nicht von der eigenen Arbeitsbereitschaft abhängt, dass man sich ohne Erfolgsgarantie anzustrengen hat, kurz dass ohne den Leistungsvergleich in dieser Gesellschaft niemand etwas wird, das ist praktisch gewordene Binsenwahrheit. An der wird auch dann nicht gerüttelt, wenn sich offenbart, dass aus der Mehrzahl der Mitmenschen auch mit dem Leistungsvergleich nicht viel wird.
Die Interpretation dieses eingerichteten Sachzwangs durch die der Konkurrenz Unterworfenen tut ein übriges. Weil ohne Konkurrenz nichts läuft, und weil es in ihr stark auf die eigene Leistung ankommt, schätzen die Mitmenschen die Konkurrenzpflicht als Erlaubnis, sich in der Gesellschaft nach Maßgabe eigener Bedürfnisse umzutun. Sie entdecken die Konkurrenz selbst, in der ihnen nur staats- und geschäftsnützliche Anstrengungen abverlangt werden, als die eigens für sie eingerichtete günstige Bedingung, ihr materielles Fortkommen in die eigenen Hände zu nehmen, legen also an die Konkurrenz Maßstäbe an, mit denen sie idealisiert wird.
Diese Konkurrenzmoral, diese erwünschte und gehätschelte Alternative zu jeder Konkurrenzkritik, ist hierzulande bei Konkurrenzverlierern, aber auch -siegern sehr beliebt. Wem es nicht in den Sinn kommt, um das Maß seiner Leistung zu streiten, wer keinen Anstoß daran nimmt, dass er in einen Vergleich gestellt wird, dessen Bedingungen ihm nicht zugänglich sind, der misst ebenso beständig wie sachfremd die Resultate der Konkurrenz an seinen Leistungen. Damit eröffnet er sich das unselige Reich der Gerechtigkeit, in welchem er sich nach Vergnügen tummeln kann: Er kann sich auf dieser falschen Urteilsgrundlage über die Ungerechtigkeit empören, die ihm widerfahren ist, wenn sich im Ergebnis die Leistung nicht gelohnt hat; den Konkurrenten ob seiner ungerechten Erfolge beneiden, mutmaßen, dass bei ihm nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, oder zu dem Urteil Zuflucht nehmen, dass Geld eben nicht alles bedeutet und auch ein Straßenkehrer öffentliche Verantwortung trägt. Er kann umgekehrt den Misserfolg für gerecht erachten, wenn er seine eigene Leistung gering einschätzt. Er kann sich seiner Verdienste rühmen und den Konkurrenten als wenig leistungsbereit denunzieren. Usw...
Jeder dieser moralischen Befunde über die Konkurrenzresultate - und moralisch sind sie darin, dass sie den eigenen Materialismus als Maßstab für Erfolg und Niederlage relativieren, ihn unter das Verdikt des staatlich erlaubten Erfolgsweges stellen und diesen zu einer Wohltat verklären - diktiert seine eigenen praktischen Konsequenzen, für deren Verlaufsformen in der Regel gesellschaftlich vorgesorgt ist. Wer Lohn oder Note für ungerecht erachtet, darf sich in das Beschwerdewesen begeben und sich nachrechnen lassen, dass seine Leistung im Vergleich zu der der Kollegen oder Mitschüler richtig beurteilt worden ist. Gelegentlich wird dabei sogar ein Beurteilungsfehler entdeckt und die Note oder der Lohn nach unten oder oben korrigiert. Die Existenz des Beschwerdewesens affirmiert den Standpunkt, sich in der Unterwerfung unter den Zwang der Konkurrenz selbst bewähren zu dürfen - und in ihrem Einsatz den Zugang zum Erfolg zu haben. So ist dafür gesorgt, dass er zu seinem Recht, aber eben auch nur dazu kommt. Erweist sich der Protest als vergeblich, hat er sich davon überzeugen lassen, dass sein unzureichender Lohn den gültigen Maßstäben der Leistung entspricht, so ist ebenfalls dem Recht die notwendige Reverenz erwiesen worden. Es liegt dann der Schluss nahe, es mit Mehrleistung zu versuchen - was nicht immer ganz einfach ist, da bekanntlich Übereifer auch kontraproduktiv sein kann. Wer sich lange genug in diesen Varianten herumgetrieben hat - mit dem Verweis auf die Leistung die Berechtigung des Lohns zu bestreiten oder mit dem Verweis auf den Lohn die Überleistung zu reklamieren -, wer also immer noch nicht bemerken will, dass dieses ganze Verhältnis gar nicht seinem Bedürfnis recht geben will, sondern es nur in dem Maß gelten lässt, wie die dafür erbrachte Leistung sich für die Belange von Geschäfts- oder Bildungspolitik lohnt, der kann sich z.B. mit seinem guten (Rechts-)Gewissen seinen Materialismus ganz versagen und sich auf der Bedeutung seiner Leistung, nicht für die eigene Wohlfahrt, sondern für übergeordnete Werte wie Allgemeinheit, Freiheit oder Nation ausruhen. Auch auf die eigenen ordentlichen Wege der Leistungserbringung kann man sich viel zugute halten, wenn sich schon beim Lohn nichts mehr bewegt: Krumme Wege hat man nie beschritten, nie - wie "unsere Politiker da oben" - die Hand nebenbei aufgehalten (wer hätte auch etwas hineinlegen sollen!), immer ist man anständig geblieben, was für den moralischen Zeitgenossen dann, wenn ihm die Anstrengung schon nichts gebracht hat, auch ein Lohn ist.
4.) Die Psycho-Logik des Selbstbewusstseins
Die Welt, in der sich das moralische Konkurrenzsubjekt bewegt, bekommt durch den Willen zum Bestehen der alltäglichen Bewährungsproben neue Konturen. Die Konkurrenz gilt ihm als Gelegenheit, die eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. An ihr kann es also nicht liegen, wenn eigene Anliegen auf der Strecke bleiben. Sie ist und bleibt die Bedingung, um etwas zu erreichen. Am nichterfüllten Interesse wird als Anspruch festgehalten, auf dessen Einlösung man ein Recht hat, und sich selbst schätzt man als das beste und erste Mittel des eigenen Erfolgs.
So wechseln die Konkurrenzsubjekte den Gegenstand. Von der Beurteilung ihres Misserfolgs oder Erfolgs, von der idealistischen Fehldeutung ihrer materiellen Anliegen leiten sie nahtlos über auf ihre werte Person. Nun sind sie das Thema. Und für die Entwicklung von Selbstbewusstsein sind alle Zutaten vorhanden. Die Suppe kann angerührt werden; eine Suppe, die sich der brave Staatsbürger ebenso einbrockt wie der ausgeflippte Jugendliche. Darin liegen sie voll auf einer Linie. Natürlich betrachtet niemand das Selbstbewusstsein nach diesem despektierlichen Bild. Vielmehr wird es schmerzlich vermisst, wenn es fehlt, eifrig gefördert, wenn es keimt, und genossen, wenn es sich eingestellt hat. Ohne Selbstbewusstsein - darin ist sich die moderne Welt einig - kann "der Mensch" sich "das Leben" und seine Bewältigung nicht vorstellen. Womit nicht nur viel über "das Leben", sondern auch schon einiges über die prekären Leistungen des Selbstbewusstseins preisgegeben ist.
All das beginnt recht harmlos mit dem bekannten Fehlurteil:
5.) "Erfolg hängt an der eigenen Leistung"
Weil die ganze offizielle Vergleicherei notwendig über die individuelle Anstrengung abgewickelt wird, bilden sich Menschen ein, sie selbst seien der Grund für Erfolg und Misserfolg und in ihrer eigenen Leistung hätten sie das Mittel in der Hand, das Resultat der Konkurrenz in ihrem Sinne zu dirigieren. Dabei irren sie sich, wie bereits gezeigt, mehrfach: Ihre Leistung gilt immer nur relativ und entscheidet überdies gar nicht über das Quantum an Siegern und Verlierern. Dennoch bleibt ihnen auf dem Arbeitsmarkt, bei der Arbeit, aber auch in der Schule nichts anderes übrig, als sich nach vorgegebenen Kriterien höchstpersönlich anzustrengen. Unterlassen sie das, ist der Schaden gleich eine ausgemachte Sache - und es ist zugleich der "Beweis" erbracht, dass all jene im Recht sind, die sie vorher zu größerer Anstrengung aufgefordert hatten.
So kommt die unselige Verwechselung von objektiven gesellschaftlichen Zwängen mit (fehlender) subjektiver Anstrengung in die Welt. Diese Gesellschaft - so kann man es in jedem Sozialkundebuch nachlesen - ist eigentlich eine erquickliche Kombination von freier Eigeninitiative und bereitgestellten Bedingungen zu ihrer Entfaltung. In ihr kann jeder sein Glück machen, wenn er sich nur darum bemüht. Auf jeden Fall ist es bei Misserfolg obligatorisch, sich an die eigene Nase zu fassen: "Vielleicht habe ich mich ja wirklich zu wenig angestrengt. Vielleicht liegt es ja wirklich an mir, wenn ich dauernd Fünfen schreibe, keinen Arbeitsplatz finde, der Betrieb nicht in die schwarzen Zahlen kommt, ich mit dem Einkommen nicht auskomme...!"
Verfängt das Rezept nicht, dann stellt sich bei vielen Schülern - um bei dem Schulbeispiel zu bleiben - schnell eine "mangelhafte Leistungsmotivation" ein, die bekämpft werden muss. Pädagogen raten dazu, den Mut nicht sinken zu lassen. Sie setzen also - wider die Logik ihres eigenen Tuns - erneut auf die Stabilisierung des Mechanismus von Selbstbeschuldigung und Selbstwertschätzung.
Damit leiten sie zum nächsten Fehlurteil über:
6.) "Leistung ist eine Sache der Leistungsfähigkeit"
Wer sich in dem Fehlurteil eingerichtet hat, dass sein Misserfolg (oder der Erfolg) in der Konkurrenz ganz von ihm selbst abhängt, der ist schon auf dem Sprung zum nächsten Irrtum. Wenn sich trotz vermehrter Anstrengung z.B. in der Schule das erwünschte Resultat nicht einstellt, wird häufig eher an der eigenen Leistungsfähigkeit gezweifelt als an der Ideologie der Leistungsabhängigkeit von Sieg und Niederlage. Pädagogisch ist dann von "Begabung" oder "Intelligenz", von "Lern-" oder "Konzentrationsfähigkeit" die Rede, von lauter Eigenschaften also, die das Konkurrenzsubjekt auszeichnen oder gar ausmachen sollen. Der Mensch soll sich überzeugen lassen, dass alles, was ihm in der Gesellschaft zuteil oder vorenthalten wird, an ihm liege. Nicht dass er sich zu wenig angestrengt habe, lautet nun das Urteil, sondern dass es ihm wohl an der Eigenschaft fehle, sich konkurrenzadäquat ins Zeug zu legen. Er selbst hat dann gar nichts falsch gemacht. Er konnte nichts falsch machen, weil er gar nicht mehr "können konnte". Die Misserfolge oder Erfolge in der Konkurrenz liegen also diesem Urteil zufolge nicht mehr in der erbrachten Anstrengung. Vielmehr wird diese ihrerseits auf ein Potential der Person zurückgeführt, das es allererst ermöglicht, die zum Erfolg führende Leistung zu erbringen; oder das im umgekehrten Fall einfach zu mehr nicht taugt, weshalb auch jede weitere Zusatzanstrengung vergeblich ist. Ob ein Mensch etwas erreichen kann, das liegt demzufolge jetzt nicht an seiner Leistung, sondern an seinem Leistungsvermögen.
In dieser Selbstbezichtigung wird alles Tun und Lassen in die Äußerung von Befähigungen des Menschen verwandelt. Die Resultate seines Tuns gelten dann nur noch als Belege für diesen Befund. Das, was in Familie, Arbeitswelt oder Schule mit ihm angestellt worden ist, das soll der Mensch sein, das soll ihm ganz entsprechen: Er ist dann Erfolgs- oder Misserfolgsmensch, die Personifikation des Gewinners oder der geborene Verlierer.
Der tatsächliche Zusammenhang steht damit auf dem Kopf: Die vermittels der Konkurrenz zustandegekommene Hierarchie in der Schule und im Berufsleben ist in dieser Sichtweise die adäquate Darstellung der Verteilung der Erfolgsfähigkeiten unter den Menschen. Menschengemäß ist demzufolge die Verteilung auf die drei Schularten, auf die Lohn- und Gehaltsgruppen, auf die Berufe vom Bandarbeiter bis zum Chefarzt. Und wer in tiefe Depression darüber versinkt, dass er wohl als Sitzenbleiber oder Arbeitsloser zum Misserfolg verdammt ist, der teilt mit dem Konkurrenzsieger, der sich für einen geborenen Siegertypen hält, das Urteil, dass der Mensch, dieses gänzlich abstrakte Bündel von Eigenschaften, auf jeden Fall das Subjekt gesellschaftlicher Prozesse ist - im guten wie im schlechten. Dieser psychologische Selbstbetrug interessiert sich nicht dafür, was einer ist und hat, über welche Mittel er verfügt, ob er Kapitalreichtum besitzt, der Regierung angehört oder abhängig arbeiten muss. Längst ist jeder gesellschaftliche Gegensatz in den Ausdruck einer vorhandenen - erworbenen oder angeborenen - Verteilung menschlicher Eigenschaften verwandelt worden.
Wer sich mit solchen psychologischen Fehlurteilen herumschlägt, bastelt bereits schwer an der
7.) "Pflege des Selbstbewusstseins"
So ein Selbstbewusstsein besteht nicht aus der harmlosen Reflexion auf sich selbst, in der eine Differenz zum Rest der Welt zur Kenntnis genommen wird. Dass man dieser und jener ist, dass man seine eigenen Interessen und Ansichten, seine Vergangenheit und Wünsche für die Zukunft, Mittel und Durchsetzungswege dafür besitzt oder auch nicht, all dies fällt in eine vernünftig bilanzierende Selbstbesinnung. Mit dem Kult des Selbstbewusstseins hat dies nichts zu schaffen. Wäre das "Bewusstsein" vom "Selbst" nur mit dieser Bilanz befasst, käme es nie zu den bekannten Urteilen über fehlendes oder überschießendes Selbstbewusstsein. Als Gegenstand eigener Betrachtungen hätte es keine Bedeutung. Die Sorgen, die der Mensch sich macht, würden nicht seinem Selbstbewusstsein, sondern ganz den Resultaten der persönlichen Bilanz gelten. Allein Fragen der folgenden Art stünden dabei zur Klärung an: Wie komme ich an regelmäßige und ausreichende Geldeinkünfte - und zwar ohne dafür meine Gesundheit und alle freie Zeit opfern zu müssen? Warum stellen sich bei mir die Mittel zur Verfolgung meiner Absichten nicht ein? Wie ist das abzustellen? Wie verfahre ich mit Menschen, die permanent meine Pläne durchkreuzen? Und wie mit jenen, die in derselben Lage sind wie ich? Usw.
Die Pflege des Selbstbewusstseins folgt vielmehr in unseren Breitengraden der Neigung, sich als Person für seine Leistungen und deren Resultate verantwortlich zu erklären. In dem Urteil, dass sich die Besonderheit eines Menschen ganz aus seiner Erfolgsfähigkeit ergibt, verdoppelt sich, was dem Menschen in der Konkurrenz zuteil wird. Ein Erfolg lässt sich dann als dieser selbst und als Urteil über die Vortrefflichkeit der Person genießen: Das zeichnet den Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein aus. Der Misserfolg dagegen bereitet Kummer, dem die Verzweiflung über die fehlende Erfolgsfähigkeit der Person noch hinzugefügt wird: Es mangelt diesem Menschen an Selbstbewusstsein, weiß der Psychologe sofort.
Keineswegs fallen beide Seiten dieser verdoppelten Erfolgsbilanz in ihrem Urteil notwendig zusammen. An der objektiven Seite kommt niemand vorbei. Sie äußert sich unmissverständlich im Zeugnis, im Inhalt des Geldbeutels oder im Zustand der eigenen Gesundheit. Doch ist der aus der Fehlbeurteilung gesellschaftlicher Sortierungsprozesse resultierende, gänzlich subjektive Befund über den Selbstwert der Person immer noch ein eigenständiges Urteil, das erst einmal akzeptiert werden will. Wer macht sich schon gern und ohne Umschweife das wenig aussichtsreiche Urteil über sich zu eigen, nicht etwa hier und heute einmal versagt zu haben, sondern durch und durch ein Versager zu sein! Es ist deshalb an der Tagesordnung, dass sich ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein von Niederlagen in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt nicht beeindrucken lassen will. Und umgekehrt finden sich auch Erfolgreiche auf der Couch ein, die über fehlendes Selbstbewusstsein - etwa im Umgang mit dem anderen Geschlecht - Klage führen.
Gerade weil das Selbstbewusstsein zu einem derartigen Eigenleben neigt, taugt es prächtig dazu, sich mit den Niederlagen abzufinden, die die Gesellschaft bereithält. Die klassischen Verfahren sind jedermann bekannt. So heißt es dann: Letztlich sei er bzw. sie doch ein ordentlicher Kerl bzw. eine prächtige Kerlin. Es müsse ja nicht jeder Chefarzt werden, um den Beweis zu erbringen, eine wertvolle Person zu sein, die Achtung und Anerkennung verdient usw. Auf diese Weise erfüllt das Selbstbewusstsein seine selbstbetrügerischen Unterwerfungsleistungen. Da hält der Mensch sich beispielsweise zugute, bei aller Armut doch immer eine ehrliche Haut geblieben zu sein, hört gerne über sich das Urteil, dass er zwar arbeitslos, doch von nobler Gesinnung sei, oder klagt selbst schon einmal darüber, etwas nicht verdient zu haben - nicht etwa wegen der erbrachten Leistung, sondern wegen der Eigenschaften seiner hochwerten Person. Hier hat sich die Konkurrenzmoral psychologisch zum Charakter verfestigt. Der Mensch nimmt nicht mehr - falsch - Maß an der erbrachten Anstrengung, sondern lässt als Maß nur noch sich selbst und seine Einbildungen über den vorhandenen oder fehlenden Wert der eigenen Person gelten. Es ist fast so, als wollte er - in Anlehnung an Shakespeares Dogberry - sagen: "Erfolg ist eine Frage der Natur, Schönheit dagegen kommt von den gesellschaftlichen Umständen."
So oder so, mit intaktem oder angeknackstem Selbstbewusstsein bewährt sich der Mensch im Pflichtenzirkus der Gesellschaft, gerade wo der ihm in der Regel wenig Grund zur Zufriedenheit beschert. Er affirmiert in jedem Fall praktisch die Fehlurteile, die über die Gründe für den Gegensatz von Armut und Reichtum kursieren. Wer sich das Urteil zu eigen macht, die Ebbe in seiner Kasse liege letztlich an seiner fehlenden Leistungsbereitschaft oder Zähigkeit, entschuldigt die Verhältnisse, die für diese Ebbe verantwortlich sind.
Nur etwas radikaler gebärden sich jene Moralisten, die das falsche Urteil über die Ursachen von Erfolg und Misserfolg teilen, aber sich mit dem sie betreffenden Befund nicht abfinden wollen. Sie verpflichten sich zu größeren Anstrengungen - innerhalb und ganz besonders außerhalb des Berufes. Dies nicht etwa, um den eigenen Kontostand aufzubessern, sondern um die Selbstachtung nicht zu verlieren. Bei der Bewältigung dieses aufreibenden Programms greifen sie auf ihr Selbstbewusstsein zurück. So erklärt sich, dass Menschen gelegentlich in donquichottesker Weise versuchen, gegen den selbst verfertigten negativen Befund über den eigenen Selbstwert anzukämpfen. Sie wollen sich etwas beweisen - was die materielle Qualität ihres Alltags nicht nur nicht verbessert, sondern gelegentlich sogar zusätzlich verschlechtert. Wer im Berufsleben den Nachweis führen will, dass ihm eine andere Stellung gebührt, dass "die das mit ihm nicht machen können", dass er zu Unrecht nicht befördert oder gar entlassen worden ist, der liefert mit unschöner Regelmäßigkeit entweder unentgeltliche Mehrleistung ab oder macht sich direkt bei Kollegen und Vorgesetzten unbeliebt. Wenn er im Betrieb "die rechte Hand des Chefs" spielt oder auf dem Arbeitsamt den "Alleskönner" herauskehrt, dann verpasst er damit vielleicht seinem Selbstbewusstsein ein paar Streicheleinheiten. Doch stehen diese im umgekehrten Verhältnis zur Honorierung seiner Bemühungen durch Firma und Amt.
Da geht es außerhalb der Arbeitswelt schon anders zu. Dort herrscht bekanntlich das Gesetz der Freiheit. Und so unterscheidet sich die Privatsphäre von der Arbeitswelt dadurch, dass der Mensch in ihr in eigener Verantwortung über die Erledigung, Verschiebung oder Nichterledigung von Notwendigkeiten entscheiden kann, besser: entscheiden muss. Hier darf er sich schon einmal etwas "leisten", hier erlaubt er sich, gelegentlich über die Stränge zu schlagen. Was ihn in der Arbeitswelt die Stelle kosten kann, das hat er im Privatleben in der Regel ganz allein auszubaden. Es ist also kein Zufall, dass die Menschen gerade in den privaten Lebensbereichen Gelegenheiten entdecken, das an ihnen gesellschaftlich vollzogene und psychologisch fehlübersetzte Urteil zu korrigieren oder auch zu bestätigen. Das führt zu den schon erwähnten abstoßenden Vergleichereien, die allesamt ein Ideal von Kompensation verfolgen: Beim Trinken am Stammtisch, an dem es nur Siegertypen gibt, die sich darin überbieten, dass sie mehr, schneller, hochprozentiger und folgenloser schlucken können als der Rest. Im Geschlechtlichen, in der Anlage von Vorgärten oder bei der Verzierung von Automobilen mit Spoilern und Placebo-Handys lassen sich wahre Orgien an privater Selbstdarstellung feiern. Und als Krönung dieses Lebens gilt ein Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde oder ein Auftritt in "Wetten, dass...!". Die kleineren und größeren Niederlagen in der Konkurrenz werden dadurch nicht ungeschehen gemacht. Sie werden nicht einmal ausgeglichen. Dennoch darf diese Kompensationsbemühung nicht als gescheitert abgebucht werden. Denn sie hat ihr Maß gar nicht darin, sich gleichwertigen Ersatz für Lohn- oder Arbeitsplatzverlust zu verschaffen. Wenn die Familie den "Alten" anhimmeln und ihm parieren muss, wenn im Auslandsurlaub, wo das Selbstbewusstsein auch noch seine Nationaluniform anlegen darf, "die Sau 'rausgelassen" wird, dann ist dies für den Menschen der Beweis dafür, dass er etwas gilt. Und wenn die Politiker den eigenen Stand, dessen Dienste gerade einmal zum Eigenheim und zur Staublunge gereicht haben, zusätzlich hochleben lassen und auf seine Bedeutung für die Gesamtgesellschaft verweisen, dann kommt man mit diesem eingebildeten Lohn, für den ganz aparte Kriterien des seelischen Entgelts gelten, für die eigene Wohlanständigkeit schon ziemlich gut durchs Leben. Eines steht dabei fest: Es trennt sich hier der selbstgebastelte Befund über den Wert der Person endgültig von ihrer tatsächlichen Lage ab.
Für diese Mitmenschen stellen derartige Anpassungsleistungen nicht selten die letzten ihnen noch verbliebenen Waffen dar, die zur Kundgabe des Selbstwerts offensiv in Anschlag gebracht werden. Ist das Bild, das so ein Mensch von sich gefertigt hat, erst einmal komplett, dann soll mit ihm Eindruck geschunden werden. Folglich ist er es sich schuldig, das Selbstbild in seiner Umgebung demonstrativ zur Schau zu stellen und Respekt für es einzufordern. Wer es sich zur Gewohnheit gemacht hat, sich selbst etwas vorzumachen, der bildet schnell das Bedürfnis aus, auch anderen etwas vorzumachen. Und wer auf die Lächerlichkeit verweist, die solche Veranstaltungen notwendig auszeichnet, der wird mit der Offensivkraft Bekanntschaft machen, mit der diese Unterwerfungsleistung antritt. So werden Saufwettbewerbe als Ehrfragen behandelt und dementsprechend schlagfertig ausgetragen. Wenn sich ein Mann von einer Frau gar Zweifel an seiner sexuellen Potenz anhören muss, dann ist die Ehre in ihrer sexistischen Gestalt, als Bezweifelung von Männlichkeit, verletzt, wofür schon der eine oder andere Mord begangen wurde. Dass bei dieser Sorte von Selbstwertbeweisen der Vergleichsinhalt nicht nur unappetitlich ist, sondern häufig aus jenem Rahmen von Sitte und Anstand herausfällt, der ansonsten in der Welt der erwachsenen "Psychos" gerade respektiert wird, verweist nur darauf, dass für den angestrebten Beweis der Überlegenheit in allen Altersgruppen dieser Gesellschaft, also nicht nur bei den inkriminierten Kindern und Jugendlichen, der Übergang zur Verletzung der gültigen Moralmaßstäbe angelegt ist.
Nie und nimmer saldieren sich die beiden Seiten dieser doppelten Buchführung über das eigene Leben positiv. Immer taugt diese Arbeit am Selbstbewusstsein letztlich nur dazu, dass der Mensch unter Zuhilfenahme seines psychologisch zugerichteten freien Willens erneut den Gang ins Büro oder zum Arbeitsamt antritt.
Psychologen schlagen Kapital aus dem gesellschaftlich produzierten Bedürfnis, sich über den Selbstwert der Person den Kopf zu zerbrechen. Sie haben das Urteil in die Welt gesetzt:
8.) "Die Pflege des Selbstbewusstseins ist die erste Erfolgsbedingung."
Es soll also die psychologische Umgangsweise des Menschen mit Erfolgen und Misserfolgen seine eigentliche Erfolgsfähigkeit ausmachen. Aus der Luft gegriffen ist dieses Urteil nicht. Denn wo Erfolg und Misserfolg sich als Selbstwerturteile niederschlagen, da bedarf es nur noch der Verdrehung der Folge zum Grund, und der Befund ist fertig, dass es letztlich am Selbstbewusstsein und seiner Präsentation liegt, ob der Mensch in Schule und Beruf Erfolg hat. Eine ganze Alltagspsychologie hat sich inzwischen darauf gegründet: Ob dem Menschen die beidhändige Rückhand misslungen, ob der Geschäftsabschluss in die Hose gegangen oder die Klassenarbeit in den Teich gesetzt worden ist, immer soll es an Selbstbewusstsein gefehlt haben. Als hinge alles, was der Mensch so treibt, nur davon ab, wie er zu sich selbst steht, wie fest er an seine Erfolgsfähigkeit glaubt! Inzwischen weiß jedermann, dass über Sieg und Niederlage "der Kopf", d.h. die richtige Einstellung entscheidet. Wissen, Können, Qualifikation und selbst die Verfügung über gesellschaftlichen Reichtum schrumpfen zu Bedingungen, die zu vernachlässigen sind. Die Bedeutung der gesellschaftlichen Verteilung von Reichtum und Chancen für den privaten Erfolg wird bis zur Unkenntlichkeit relativiert.
Die Wissenschaft vom Seelenleben der Menschen entdeckt hier ein Feld, auf dem sie den Beweis ihrer praktischen Bedeutung erbringen kann. Inzwischen ist das Training von Selbstbewusstsein in so ziemlich allen gesellschaftlichen Bereichen ein Renner: Wie will man denn, reden Psychologen armen Würmern ebenso wie Managern ein, Erfolg haben, wenn man sich nicht als Sieger fühlt und dieses Gefühl zur Schau stellt. Hier wird unter wissenschaftlicher Anleitung der Selbstbetrug vollkommen: Gerade wenn bzw. weil man keinen Erfolg hat, soll man starkes Selbstbewusstsein ausstrahlen, das dann schon für Erfolg sorgt. In Trainingsprogrammen wird gelernt, wie man sich die Aura des "Erfolgsmenschen" zulegt. Übrigens muss der Trainer dazu gar nicht wissen, welche Sorte Ärger das Selbstbewusstsein angeknackst hat. Ob es sich um "Lernschwierigkeiten", "Beziehungsprobleme" oder "Zukunftsängste" handelt, immer wird die "Stabilisierung der Persönlichkeit" als Heilmittel gepriesen. "Gut drauf sein", "be happy", "sei Optimist" heißen die Leitfäden, die den Leuten einreden wollen, dass eine positive Stimmung die Lage selbst zum Positiven verändere. Als ob ein Siegerlächeln oder die Beckerfaust auf dem Arbeitsamt Eindruck machen bzw. den Lehrer zur Korrektur einer "Sechs" veranlassen würden.
Dass es Sphären gibt, in denen diese Demonstrationen von Erfolgsfähigkeit nicht belächelt werden, sondern ziehen, darf nicht verwundern. Auf all jenen Märkten, auf denen neben Gebrauchswert und Preis auch der "gute Eindruck" zählt, den der Verkäufer und sein Etablissement auf den Kunden macht, da gehören Kurse über Menschenführung und Verkaufspsychologie bereits zum offiziellen Ausbildungsprogramm für die Belegschaft. Besonders dort sind sie zu finden, wo die Selbstdarstellung tatsächlich in den Befund über die Kreditwürdigkeit eingeht. Das Prinzip "Mehr Schein als Sein" ermöglicht in diesen Sphären den fließenden Übergang vom Selbst- zum Fremdbetrug.
Wer schließlich ganz fest daran glaubt, dass Erfolg eine Frage des Selbstbewusstseins, also der eingebildeten Erfolgsfähigkeit ist, der lässt nicht nur viel Geld beim Psychologen oder in der VHS, sondern leistet sich einen letztlich selbstzerstörerischen Idealismus. Wenn nämlich die Illusion, es sei der Glaube an die eigene Erfolgsfähigkeit, der die berühmten Berge versetzen könne, seine Bewährungsprobe zu bestehen hat, weil die Welt der Konkurrenz sich einfach nicht nach solchen Einbildungen richtet, dann ist der Übergang in die Depression oder ähnliches durchaus an der Tagesordnung.
Aus: Huisken, Freerk: Jugendgewalt. Hamburg 1996, S.28 - 40
Übernahme nur zu rein schulischen Zwecken.
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