Material für den Pädagogikunterricht
Instinkte? - Kritik eines inflationären Wortgebrauchs
Instinkte sind feststehende Verhaltensschemata, die ohne Vernunft und Willen (was im Übrigen dasselbe ist) ablaufen. Ihre Wirkung ist die Sicherung des Überlebens - sonst hätten sich die jeweiligen Schemata nicht durchgesetzt. Insofern findet man Instinke im Tierreich: der Nestbau-Instinkt der Amsel, das instinktive Verhalten der Ameisen beim Bau ihres "Staates" usw.
Alltagssprachlich formuliert man oft so, dass man z.B. "rein instinktiv" gebremst habe oder beiseite gesprungen sei usw. Damit sind zur Gewohnheit gewordene Handlungen gemeint, die aber zunächst durchaus gelernt werden mussten: in der Fahrschule, als Kleinkind. Man kann dieses angeblich "rein instinktive" Verhalten nämlich auch durchaus unterlassen und willentlich z.B. vor eine Mauer fahren.
Davon zu unterscheiden sind Reflexe bei Neugeborenen: Dies sind einige wenige Verhaltensschemata, die nur aus ganz wenigen Muskelkontraktionen bestehen (schlucken, festhalten ...) und die sich offenbar in der Evolution fixiert haben; einige davon zerfallen nach wenigen Wochen (z.B. das reflexhafte Festhalten), andere (z.B. schlucken) werden in der Sozialisation der Heranwachsenden immer mehr kulturell überformt und sind dann eben keine Reflexe mehr. Sobald ich mir ein Verhalten, das als Reflex bezeichnet wird, bewusst mache, kann ich - wie auch immer - willentlich damit umgehen. Im übrigen sind Lidschlag und Kniescheiben-Reflex oder auch das hilflose Um-sich-Greifen, wenn sich mein Auto überschlägt, nicht gerade diejenigen Verhaltensweisen, die den Menschen charakterisieren.
Weder mit Instinkten noch mit Reflexen hat man es bei Hunger, Durst, Sexualität, Schmerzvermeidung u.ä. zu tun: Hier handelt es sich zunächst auf einer ganz elementaren Ebene um Gefühle, bzw. bei Tieren um Reize, wie sie jede Bakterie auch erfährt. Aber was für ein Verhalten aus Hunger, Durst, Sexualität, Schmerzvermeidung beim Menschen folgt, das hat sich im Laufe seiner vieltausendjährigen Kulturgeschichte weit von Instinkt und Reflex entfernt. Wie oben schon gesagt, können Hunger, Durst und Schmerzvermeidung durchaus auch ertragen werden und vor allem sind essen, trinken, Sexualität, Schmerzvermeidung schon längst durch Vernunft und Willen kulturell überformt, erfahren also im Zuge der Sozialisation ihre jeweilige Form und sind Teil der jeweiligen Persönlichkeit (die sich ja auch, je älter man wird, gegen die gelaufene Sozialisation stellen kann): So wurden aus der schieren Befriedigung von Hunger und Durst Mahlzeiten, Kochrezepte, Gastfreundschaft, aber auch Hungerstreik oder die so genannte Trunksucht; aus der schieren Sexualität - die beim Menschen kein Trieb ist, sonst landet man nämlich als Triebtäter bei einer staatlich reglementierten Sonderbehandlung - wurden Liebe, Ehe, Freundschaft, auch Zölibat und Vergewaltigung; aus der rein animalischen Schmerzvermeidung wurden bei den Menschen Krankenpflege, Medizin, aber auch Folter und allerlei Yogatechniken.
Bleiben wilde Kinder (Victor von Aveyron u.a.) oder durch extreme Verwahrlosung von der Sozialisation ausgeschlossene Kinder. Hier ist eher das Diskussionsinteresse interessant: Warum will man ausgerechnet an Extremsituationen, die nicht charakteristisch für menschliches Leben ist, etwas Klärendes über eben dieses herausfinden?
Der Mensch ist kein Triebwesen, kein Instinktwesen, was immer auch alltagssprachlich geredet wird.
Sigmund Freud dreht dies herum: Der Mensch soll(te) kein Wesen sein, das nur am "Leitseil seiner Triebe" geht, sondern die Erziehung und allgemein die Kultur soll die angeblich unbewusste Fundierung seines Verhaltens (die libidinösen Kräfte in seinem Es) in den Griff bekommen durch Sublimierung, Verschiebung ...
© Michael Kraus, 3. März 2005