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Material für den Pädagogikunterricht

Hurrelmann: Maximen zur Jugendphase

Dies sind wirklich Maximen, nämlich Handlungsanweisungen und keine "Annahmen", wie der Cornelsen-Verlag beruhigt: Hurrelmann engagiert sich für das Funktionieren dieser Gesellschaft und leistet seinen wissenschaftlichen Beitrag, welche Aufgaben Gesellschaft und Jugend dafür erbringen sollen, nämlich "Entwicklungsaufgaben". Diese normativen Bestim­mungen = Maximen erscheinen allerdings großenteils im deskriptivem Gewand, weil Hurrelmann unterstellt, dass "es" sowieso nicht anders geht, sondern genau so gehen muss.

Was teilt Hurrelmann über die Jugend mit?
Anpassung muss sein (2. Maxime), gemütlich ist es hier nicht: "Spannungsverhältnis" (4. Maxime), nachgegeben wird auch nicht: "Entwicklungsdruck" (5. Maxime), wohin die Reise geht, steht ebenfalls fest: "vorgesehene Rollen übernehmen" (6. Maxime), wobei ein Scheitern durchaus in Betracht gezogen wird: "aus der Balance geraten" (6. Maxime). Wer da in Hurrelmanns Theorie "scheitert", sind übrigens nie die "Zielprojektionen" der Gesellschaft, sondern eventuell die Jugendlichen. Andererseits gilt bei all dem: Individuation (3. und 4. Maxime) und Steuerungsfreiheit (5. Maxime).
Dass dieser Text auch in seiner "vollständig überarbeiteten" Fassung immer noch aus Maximen, also Sollens-Vorschriften, besteht und nicht aus rein beobachtenden und analysierenden Thesen, passt. Was die Jugendlichen da sollen und müssen und was dabei auch auf Seiten der gesellschaftlichen "Ressourcen" wichtig ist, das sind keine logischen (oder gar nur rhetorischen) Notwendigkeiten, sondern das meint Hurrelmann ganz normativ ernst.

© Michael Kraus, Februar 2007


Diese Kritik an Hurrelmann kann man auch etwas gewählter formulieren:

Die Schwächen dieses theoretischen Bezugsrahmens zeigen sich
1) in der nicht ausreichenden Berücksichtigung der Subjektseite (= Jugendliche; MK);
2) damit korrespondierend in der Normativität und Teleologie des Konzepts einer „gelingenden Sozialisation“.
ad 1) Zwar werden auf der Subjektseite persönliche Bedürfnisse und Interessen ins Feld geführt, es wird aber nicht erklärt, wie diese ihrerseits entstehen und inwiefern sie selbst wieder gesellschaftlich bedingt sind. Auch die Frage nach der subjektiven Bedeutsamkeit bestimmter Handlungsweisen bleibt aus.
ad 2) Gelingende Sozialisation wird daran gemessen, "wie angemessen die individuellen Handlungskompetenzen, das Selbstbild und die Identitätsbildung für die jeweiligen situations- und lebensgeschichtlichen Handlungsanforderungen sind" (HURRELMANN 1990, S. 178); sind sie unzureichend entfaltet, ist kein autonomes und zielorientiertes, d.h. kein "normales" Handeln möglich. Als unnormal, d.h. als auffällig oder abweichend wird alles Verhalten angesehen, "welches gesetzlich verboten oder sozial unerwünscht oder inakzeptabel ist - sei es, weil es vorherrschenden Konventionen widerspricht, sei es, weil es ein geordnetes und friedliches Zusammenleben der Gesellschaftsmitglieder beeinträchtigt oder unmöglich macht - und/oder solches Verhalten, welches die eigenen Persönlichkeitsentwicklung stört oder behindert" (HURRELMANN 1990, S. 179).
Die Autonomie des Individuums ist in dieser Konzeption offenbar nur dann gegeben, wenn es Konformität mit den herrschenden Normen herstellt.
Die Spannungen zw. Individuation und Vergesellschaftung erscheinen in diesem Modell als Ausdruck misslungener Sozialisation.
D.h.: Es gibt in diesem Modell keinen Ansatzpunkt für kritische Positionen gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen.
(Hervorhebung: MK)

Zum Link "Emile": EMILE ist ein Bibliotheksverwaltungssystem und wird am Institut für Erziehungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz eingesetzt. - Autor des Zitats ist offenbar Univ.-Prof. Dr. Josef Scheipl, Graz, 2005