Material für den Pädagogikunterricht
Hurrelmann: Maximen zur Jugendphase
Dies sind wirklich Maximen, nämlich Handlungsanweisungen und keine "Annahmen", wie der Cornelsen-Verlag beruhigt: Hurrelmann engagiert sich für das Funktionieren dieser Gesellschaft und leistet seinen wissenschaftlichen Beitrag, welche Aufgaben Gesellschaft und Jugend dafür erbringen sollen, nämlich "Entwicklungsaufgaben". Diese normativen Bestimmungen = Maximen erscheinen allerdings großenteils im deskriptivem Gewand, weil Hurrelmann unterstellt, dass "es" sowieso nicht anders geht, sondern genau so gehen muss.
- "Vermutlich" halb und halb genetische Ausstattung und Umwelteinflüsse
Die genetische Ausstattung legt "Spiel- und Möglichkeitsräume für Eigenschaften und Verhalten fest,die durch Umwelteinflüsse verändert und geformt werden", ein "ständiges Wechselspiel". - Jugendphase als besonders intensive Phase der Verarbeitung der inneren und äußeren Realität
Es "stellt sich" einem jungen Menschen die "Aufgabe", die eigenen Veränderungen wahrzunehmen und "das eigene Handeln hierauf abzustellen". Analoges gilt für die Umwelt. Die "Anforderungen" an die Verarbeitung der Veränderungen sind in der Jugendphase "besonders hoch" = "Entwicklungsaufgaben"; dies sind "Zielprojektionen, die in jeder Kultur existieren" und "die ein Jugendlicher zu erfüllen hat." Diese Anpassungen "werden in einem Prozess der Selbstregulation bearbeitet". - Menschen in der Jugendphase "müssen sich ... als aktiv handelnde Jugendliche profilieren".
Diese Haltung des freien Ausprobierens von Lebensstilen gilt heute auch in der Postadoleszenz und darüber hinaus als attraktiv. - Ich-Identität als Synthese von Individuation und Integration
Jugendliche nehmen sich selbst als Akteure wahr (→ Mead!) und fügen aus Selbstwahrnehmung ("I") und reflektierter Rollenerwartung ("Me") ein Selbstbild zusammen. Sich selbst als konsistente Persönlichkeit wahrzunehmen ist eine "Aufgabe". Voraussetzung: Integration als Vergesellschaftung der menschlichen Natur; dabei auch: "Platzierung in der ökonomischen Chancenstruktur" (die Jugendarbeitslosigkeit lässt grüßen; MK). Individuation nennt Hurrelmann den Aufbau unverwechselbarer Merkmale und Kompetenzen und das Erleben von ebendem. Die Ich-Identität (Synthese ...) ist "notwendig" (Begründung?) ein "Spannungsverhältnis". Das Austragen dieses Spannungsverhältnisses entscheidet über die Belastbarkeit und so "ergibt sich die innovative Kraft" der Jugend. - Krise, wenn keine Synthese ...
Manchmal "werden die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters nicht gelöst und (!) es (!) entsteht (!) Entwicklungsdruck." In der Jugendphase geht es um soziokulturelle Anpassung und Qualifizierung, und zwar "mit massivem Nachdruck"; gefordert ist eine "produktive Auseinandersetzung". Störungen sind der Preis für die heutige Steuerungsfreiheit. - Das Spannungsverhältnis zwischen Individuation und Integration
In den verschiedenen Sozialisationsagenturen (Familie, Schule ...) "müssen" Mindeststandards festgelegt werden, damit die Balance zwischen freien Spielräumen und festgelegten Regeln gelingt. Die Zwänge und Zwecke von Sozialisation sind hier also als nicht hintergehbare Fakten unterstellt und daher redet Hurrelmann über sie wie über sachliche Notwendigkeiten, z.B. wie über Bodenschätze: Je vielfältiger die sozialen Ressourcen im Netzwerk verteilt sind, desto flexibler und zielführender können sie von einem Jugendlichen abgerufen werden." Dass es da um Zwänge und Unterwerfung geht, weiß Hurrelmann, wenn er vom "Spannungsverhältnis" spricht und davon, "Entwicklungsaufgaben anzugehen und eine vorgesehene (!) Rolle zu übernehmen" sowie davon, dass ein Jugendlicher "aus der Balance geraten" könne. Das Persönlichkeitsideal Hurrelmanns ist demnach nicht der Untertan, nicht der schlicht gehorsame Bürger, sondern der emanzipierte Demokrat, der seine Identität in vielfältiger Weise entwicklet - um dann genau damit "in Erwachsenenpositionen das Funktionieren des gesellschaftlichen Systems zu sichern". "Mechanische Einpassung" würde da die Individuations- und Integrationsprozesse nur stören. Das Kunststück, das Hurrelmann den Jugendlichen abverlangen will, ist die freiwillige, kreative Zurichtung als Mittel für die "heutigen, westlichen Gesellschaften". - Die Jugendphase ist heute eine "eigenständige Phase
... die ihren Übergangscharakter zumindest teilweise verloren" hat, unter anderem wegen der Jugendarbeitslosigkeit (vgl. dagegen Ferchhoff: "Jugend ist Gymnasialjugend"); Hurrelmann will bis zum Schluss die normative Haltung nicht verlassen: "Angesichts [dessen] muss (!) die Lebensphase Jugend heute als ein biographischer Abschnitt mit Eigenbedeutung konzipiert (!) werden."
Was teilt Hurrelmann über die Jugend mit?
Anpassung muss sein (2. Maxime), gemütlich ist es hier nicht: "Spannungsverhältnis" (4. Maxime), nachgegeben wird auch nicht: "Entwicklungsdruck" (5. Maxime), wohin die Reise geht, steht ebenfalls fest: "vorgesehene Rollen übernehmen" (6. Maxime), wobei ein Scheitern durchaus in Betracht gezogen wird: "aus der Balance geraten" (6. Maxime). Wer da in Hurrelmanns Theorie "scheitert", sind übrigens nie die "Zielprojektionen" der Gesellschaft, sondern eventuell die Jugendlichen. Andererseits gilt bei all dem: Individuation (3. und 4. Maxime) und Steuerungsfreiheit (5. Maxime).
Dass dieser Text auch in seiner "vollständig überarbeiteten" Fassung immer noch aus Maximen, also Sollens-Vorschriften, besteht und nicht aus rein beobachtenden und analysierenden Thesen, passt. Was die Jugendlichen da sollen und müssen und was dabei auch auf Seiten der gesellschaftlichen "Ressourcen" wichtig ist, das sind keine logischen (oder gar nur rhetorischen) Notwendigkeiten, sondern das meint Hurrelmann ganz normativ ernst.
© Michael Kraus, Februar 2007
Diese Kritik an Hurrelmann kann man auch etwas gewählter formulieren:
Die Schwächen dieses theoretischen Bezugsrahmens zeigen sich
1) in der nicht ausreichenden Berücksichtigung der Subjektseite (= Jugendliche; MK);
2) damit korrespondierend in der Normativität und Teleologie des Konzepts einer „gelingenden Sozialisation“.
ad 1) Zwar werden auf der Subjektseite persönliche Bedürfnisse und Interessen ins Feld geführt, es wird aber nicht erklärt, wie diese ihrerseits entstehen und inwiefern sie selbst wieder gesellschaftlich bedingt sind. Auch die Frage nach der subjektiven Bedeutsamkeit bestimmter Handlungsweisen bleibt aus.
ad 2) Gelingende Sozialisation wird daran gemessen, "wie angemessen die individuellen Handlungskompetenzen, das Selbstbild und die Identitätsbildung für die jeweiligen situations- und lebensgeschichtlichen Handlungsanforderungen sind" (HURRELMANN 1990, S. 178); sind sie unzureichend entfaltet, ist kein autonomes und zielorientiertes, d.h. kein "normales" Handeln möglich. Als unnormal, d.h. als auffällig oder abweichend wird alles Verhalten angesehen, "welches gesetzlich verboten oder sozial unerwünscht oder inakzeptabel ist - sei es, weil es vorherrschenden Konventionen widerspricht, sei es, weil es ein geordnetes und friedliches Zusammenleben der Gesellschaftsmitglieder beeinträchtigt oder unmöglich macht - und/oder solches Verhalten, welches die eigenen Persönlichkeitsentwicklung stört oder behindert" (HURRELMANN 1990, S. 179).
Die Autonomie des Individuums ist in dieser Konzeption offenbar nur dann gegeben, wenn es Konformität mit den herrschenden Normen herstellt.
Die Spannungen zw. Individuation und Vergesellschaftung erscheinen in diesem Modell als Ausdruck misslungener Sozialisation.
D.h.: Es gibt in diesem Modell keinen Ansatzpunkt für kritische Positionen gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen. (Hervorhebung: MK)
Zum Link "Emile": EMILE ist ein Bibliotheksverwaltungssystem und wird am Institut für Erziehungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz eingesetzt. - Autor des Zitats ist offenbar Univ.-Prof. Dr. Josef Scheipl, Graz, 2005