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Material für den Pädagogikunterricht

Hurrelmann: Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase

Hurrelmann formuliert hier Maximen, nämlich Handlungsanweisungen und nicht nur "Annahmen", wie der Cornelsen-Verlag beruhigt: Hurrelmann engagiert sich für das Funktionieren dieser Gesellschaft und leistet seinen wissenschaftlichen Beitrag, welche Aufgaben Gesellschaft und Jugend dafür erbringen sollen, nämlich "Entwicklungsaufgaben" erfüllen. Diese normativen Bestimmungen = Maximen erscheinen allerdings großenteils im deskriptivem Gewand, weil Hurrelmann in diesem Text unterstellt, dass "es" sowieso nicht anders gehe, sondern genau so gehen müsse. - Ich weise unten im Fazit nach, dass das so ziemlich alles (um es kurz zu machen) eine Gemeinheit oder einfach Blödsinn ist (griechisch: eine teleologische Verkürzung).

Die Maximen im Überblick
  1. "Vermutlich" halb und halb genetische Ausstattung und Umwelteinflüsse
    Die genetische Ausstattung legt "Spiel- und Möglichkeitsräume für Eigenschaften und Verhalten fest, die durch Umwelteinflüsse verändert und geformt werden", ein "ständiges Wechselspiel".
  2. Jugendphase als besonders intensive Phase der Verarbeitung der inneren und äußeren Realität
    Hier sind sie nun, die Entwicklungsaufgaben (siehe dazu unten das Fazit!): Laut Hurrelmann gibt es "Zielprojektionen, die in jeder Kultur existieren" und "die ein Jugendlicher zu erfüllen hat." - Hier sollte man aufwachen! Denn nun ist erst einmal Schluss mit reiner Deskription, mit Analyse dessen, was ist. Sondern hier wird Hurrelmann normativ: Es passen sich nicht nur die Jugendlichen an die Normen der Erwachsenenwelt an (dazu mehr unten im Fazit), sondern - so Hurrelmann - das muss auch so sein! Tatsächlich? Muss das sein? Und wenn es einmal nicht geschieht, was dann? Ist man dann krank (vgl. Hurrelmann, Einführung in die Sozialisationstheorie, 2002, S. 39 oder Phoenix, S. 217)? Diese Anpassungen "werden in einem Prozess der Selbstregulation bearbeitet". Da lassen sowohl Freuds Über-Ich-Bildung als auch Krappmanns Interaktionismus grüßen. Wenn man ein bisschen frech wäre, könnte man den Professor auch einmal fragen, was er denn zu einem Fünfzehnjährigen sagt, der 1936 in Deutschland seine Entwicklungsaufgaben macht. Und wie soll demnach eine Siebzehnjährige in Teheran ihre Entwicklungsaufgaben erfüllen? Oder ein Neunzehnjähriger in Neapel-Süd? Immer schön den Zielprojektionen der jeweiligen Gesellschaft nachlaufen?
  3. Menschen in der Jugendphase "müssen sich ... als aktiv handelnde Jugendliche profilieren".
    Diese Haltung des freien Ausprobierens von Lebensstilen gilt heute auch in der Postadoleszenz und darüber hinaus als attraktiv.
  4. Ich-Identität als Synthese von Individuation und Integration
    Jugendliche nehmen sich selbst als Akteure wahr (→ Mead!) und fügen aus Selbstwahrnehmung ("I") und reflektierter Rollenerwartung ("Me") ein Selbstbild zusammen. Sich selbst als konsistente Persönlichkeit wahrzunehmen ist eine "Aufgabe". Das heißt, hier wird Hurrelmann wieder normativ: So ist es nicht einfach, sondern so soll es sein. Voraussetzung: Integration als Vergesellschaftung der menschlichen Natur; dabei auch: "Platzierung in der ökonomischen Chancenstruktur" (die Jugendarbeitslosigkeit lässt grüßen; MK). Individuation nennt Hurrelmann den Aufbau unverwechselbarer Merkmale und Kompetenzen und das Erleben von ebendem. Die Ich-Identität (Synthese ...) ist "notwendig" (wieso eigentlich?) ein "Spannungsverhältnis". Das Austragen dieses Spannungsverhältnisses entscheidet über die Belastbarkeit - die offenbar auch sein muss - und so "ergibt sich die innovative Kraft" der Jugend. Einerseits weicht Hurrelmann hier seine theoretische Einbahnstraße auf, andererseits hat nach Hurrelmann die Jugend einiges zu tun und das ist nicht lustig.
  5. Krise, wenn keine Synthese ...
    Manchmal "werden die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters nicht gelöst und (!) es (!) entsteht (!) Entwicklungsdruck." In der Jugendphase geht es um soziokulturelle Anpassung und Qualifizierung, und zwar "mit massivem Nachdruck"; gefordert ist eine "produktive Auseinandersetzung". Störungen sind der Preis für die heutige Steuerungsfreiheit. Man kann sich diese Entwicklungsaufgaben (siehe dazu auch unten das Fazit) ungefähr wie Hausaufgaben vorstellen: Eine Pflichtleistung, und wenn sie nicht erledigt werden, dann gibt es Druck, Entwicklungsdruck. Im Ernst: Wieso soll es "Entwicklungsdruck" geben, wer übt den aus, mit welchem Recht und mit welcher Macht, wenn Jugendliche ihre "Entwicklungsaufgaben" nicht erfüllen? Oder wenn gar Tausende von Jugendlichen diese Hurrelmann'schen Entwicklungsaufgaben beiseite schieben (so geschehen in den jugendlichen Subkulturen) oder wenn umgekehrt Erwachsene den Jugendlichen nacheifern oder von ihnen lernen (→ Jugendzentrismus)?
  6. Das Spannungsverhältnis zwischen Individuation und Integration
    In den verschiedenen Sozialisationsagenturen (Familie, Schule ...) "müssen" Mindeststandards festgelegt werden, damit die Balance zwischen freien Spielräumen und festgelegten Regeln gelingt. Die Zwänge und Zwecke von Sozialisation sind hier also als nicht hintergehbare Fakten unterstellt und daher redet Hurrelmann über sie wie über sachliche Notwendigkeiten, z.B. wie über Bodenschätze: Je vielfältiger die sozialen Ressourcen im Netzwerk verteilt sind, desto flexibler und zielführender können sie von einem Jugendlichen abgerufen werden." Dass es da um Zwänge und Unterwerfung geht, weiß Hurrelmann, wenn er vom "Spannungsverhältnis" spricht und davon, "Entwicklungsaufgaben anzugehen und eine vorgesehene (!) Rolle zu übernehmen" sowie davon, dass ein Jugendlicher "aus der Balance geraten" könne. Das Persönlichkeitsideal Hurrelmanns ist demnach nicht der Untertan, nicht der schlicht gehorsame Bürger, sondern der emanzipierte Demokrat, der seine Identität in vielfältiger Weise entwicklet - um dann genau damit "in Erwachsenenpositionen das Funktionieren des gesellschaftlichen Systems zu sichern". "Mechanische Einpassung" würde da die Individuations- und Integrationsprozesse nur stören. Das Kunststück, das Hurrelmann den Jugendlichen abverlangen will, ist die freiwillige, kreative Zurichtung als Mittel für die "heutigen, westlichen Gesellschaften".
  7. wie sechste Maxime ...
  8. Die Jugendphase ist heute eine "eigenständige Phase
    ... die ihren Übergangscharakter zumindest teilweise verloren" hat, unter anderem wegen der Jugendarbeitslosigkeit (vgl. dagegen Ferchhoff: "Jugend ist Gymnasialjugend"); Hurrelmann will bis zum Schluss die normative Haltung nicht verlassen: "Angesichts [dessen] muss (!) die Lebensphase Jugend heute als ein biographischer Abschnitt mit Eigenbedeutung konzipiert (!) werden."

Entwicklungsaufgaben - ein Fazit

© Michael Kraus, Februar 2007, Fazit im Mai 2011

Diese Kritik an Hurrelmann kann man auch etwas gewählter formulieren:

Die Schwächen dieses theoretischen Bezugsrahmens zeigen sich
1) in der nicht ausreichenden Berücksichtigung der Subjektseite [= Jugendliche; MK];
2) damit korrespondierend in der Normativität und Teleologie [s.o.: "Einbahnstraße"; MK] des Konzepts einer „gelingenden Sozialisation“.
ad 1) Zwar werden auf der Subjektseite persönliche Bedürfnisse und Interessen ins Feld geführt, es wird aber nicht erklärt, wie diese ihrerseits entstehen und inwiefern sie selbst wieder gesellschaftlich bedingt sind. Auch die Frage nach der subjektiven Bedeutsamkeit bestimmter Handlungsweisen bleibt aus.
ad 2) Gelingende Sozialisation wird daran gemessen, "wie angemessen die individuellen Handlungskompetenzen, das Selbstbild und die Identitätsbildung für die jeweiligen situations- und lebensgeschichtlichen Handlungsanforderungen sind" (HURRELMANN 1990, S. 178); sind sie unzureichend entfaltet, ist kein autonomes und zielorientiertes, d.h. kein "normales" Handeln möglich. Als unnormal, d.h. als auffällig oder abweichend wird alles Verhalten angesehen, "welches gesetzlich verboten oder sozial unerwünscht oder inakzeptabel ist - sei es, weil es vorherrschenden Konventionen widerspricht, sei es, weil es ein geordnetes und friedliches Zusammenleben der Gesellschaftsmitglieder beeinträchtigt oder unmöglich macht - und/oder solches Verhalten, welches die eigenen Persönlichkeitsentwicklung stört oder behindert" (HURRELMANN 1990, S. 179).
Die Autonomie des Individuums ist in dieser Konzeption offenbar nur dann gegeben, wenn es Konformität mit den herrschenden Normen herstellt.
Die Spannungen zw. Individuation und Vergesellschaftung erscheinen in diesem Modell als Ausdruck misslungener Sozialisation.
D.h.: Es gibt in diesem Modell keinen Ansatzpunkt für kritische Positionen gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen.
[Hervorhebung: MK]

Zum Link "Emile": EMILE ist ein Bibliotheksverwaltungssystem und wird am Institut für Erziehungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz eingesetzt. - Autor des Zitats ist Univ.-Prof. Dr. Josef Scheipl, Graz, 2005