Material für den Pädagogikunterricht
"Die Halbstarken"; ein Film von 1956
Inhaltsangabe und Kurzkritik aus dem Lexikon des internationalen Films, Rowohlt, 1998:
Berlin in den 50er Jahren: Von seiner Freundin angetrieben, begeht ein Heranwachsender mehrere Überfälle, zieht seinen Bruder mit in seine Machenschaften und gerät immer mehr in eine auswegslose Situation.
Als er sich weigert einen Zeugen zu töten, wird er von seiner Freundin angeschossen und stellt sich der Polizei. Weniger eine Jugendstudie als ein Film über kriminelle Jugendliche, der trotz zu einfacher Erklärungsmuster - zerrüttetes Elternhaus, falsche Freunde - einen interessanten Blick in die Gefühlswelt der Jugendlichen zur Zeit des (beginnenden; MK) Wirtschaftswunders bietet. Bei allen vergröbernden Tendenzen ein bemerkenswerter Film mit ausgezeichneter Kameraarbeit, guten Darstellern und einer nicht zu unterschätzenden unterhaltenden Intensität." Im Vorspann des Films werden einführende Worte eingeblendet und ein Realitätsbezug hergestellt: "Die Mehrheit der Jugend hat mit der Erscheinung der Halbstarken nichts zu tun. Die Minderheit aber fällt auf und deshalb spricht man von ihr. Dieser Film berichtet über die Taten einzelner Jugendlicher und ihres kriminellen Anführers im Zwielicht von Erlebnisdrang und Verbrechen. Die Geschehnisse entsprechen tatsächlichen Ereignissen der damals jüngsten Vergangenheit und sollen eine Warnung sein für alle jungen Menschen, die in Gefahr sind, auf Abwege zu geraten."
Die Subkultur der Halbstarken
Hier wird auf die so genannten Halbstarkenkrawalle zwischen 1956 und 1958 angespielt. In deutschen Großstädten fanden damals gewalttätige Auseinandersetzungen mit bis zu 1500 beteiligten Jugendlichen statt. Die den unteren sozialen Schichten zugehörigen Halbstarken - es waren meist 16- bis 19-jährige Lehrlinge und angelernte Arbeiter - forderten bei Rock'n'Roll-Konzerten (z.B. von Bill Haley) oder nach einer Vorstellung des Films "Der Wilde" (mit ihrem Idol Marlon Brando) die Anerkennung ihrer neuartigen Kleidungssitten ("Texashosen mit Nieten": Jeans), Tanzmode und Freizeitgewohnheiten durch die schon wieder etablierte Welt der Erwachsenen in der Adenauer-Ära. (MK: Zu klären wäre noch, inwiefern diese Halbstarkenkrawalle sich auch auf die Demonstrationen gegen Wiederbewaffnung und Atomwaffen (→ NATO) bezogen; bei einer dieser politischen Demonstrationen war 1952 in Essen der 21jährige Philipp Müller von der Polizei erschossen worden.)
Bei den nicht immer gewalttätigen Zusammenkünften der Halbstarken ging es darum, dass "etwas passiert", dass also Spaß an körperlicher Auseinandersetzung und "Aufmucken" gegen Autoritäten ausgelebt wurde. Diese durch Kleidung und Habitus sich definierende subkulturelle Jugendgruppe stellte eine moralische Bedrohung des Anspruchs auf Unterwerfung unter das Nachkriegs- und beginnende Wirtschaftswunder-Deutschland dar. (MK: Die geltenden Autoritäten - Erwachsene, Lehrer, Polizei, Poilitiker - stellten sich aber immer wieder als kompromittiert durch Mitläufertum oder aktive Rollen in der NS-Herrschaft heraus; insofern war deren Autoritätsanspruch durchlöchert.) Die Presse reagierte übermäßig und es machte sich ein dämonisches, von Klischees und Vorurteilen geprägtes Bild dieser Gruppe in der Bevölkerung breit. Die geäußerten Befürchtungen bewahrheiteten sich aber nicht. Die meisten der Halbstarken wurden nicht wie angenommen kriminell, sondern wuchsen mit zunehmendem Alter in tradierte Gesellschaftsmuster von Familie und geregelter Arbeit, hinein und aus ihrer "wilden" Jugend heraus.
Treffpunkte der Halbstarken
Das erste Motiv im Film ist ein Hallenbad - hier treffen wir auf die Gruppe um den Anführer Freddy und hier trifft sich die Gruppe anscheinend häufiger. Sie benehmen sich wie sie wollen: Rauchen, obwohl es verboten ist, verprügeln die Bademeister und flirten mit den anwesenden Mädchen. Sie machen den öffentlichen Raum zu ihrem Revier und übernehmen die Autorität von den Erwachsenen, die sich gegen diese Ausdruck jugendlicher Stärke und Aggression nicht wehren können. Die Tankstelle ist Freddies Welt. Hier arbeitet er gelegentlich und trifft auch seine "Geschäftspartner". Besonders der sich dort befindliche Buick, einer grosser "Ami-Schlitten", hat es ihm angetan. Freddy kümmert sich für einen dubiosen Freund um den Wagen und hat dessen baldigen Erwerb in Aussicht. Die Tankstelle ist hier symbolhaft für das moderne, schnelle Leben, was langsam in die Nachkriegsgesellschaft Einzug hält, zu sehen. Freddies braver Bruder Jan lädt Sissy, Freddies Freundin, in die Eisdiele ein.
Hier wird Coca-Cola geschlürft und der Spezial-Becher verdrückt. Kein anderer Ort ist als so typisch für den Treffpunkt junger Leute in den 50er Jahren überliefert wie dieser. Hier werden Spezialitäten aus dem Ausland konsumiert, was lange unmöglich war. Die Bar "Espresso" übertrifft all die oben erwähnten Orte an Anziehungskraft für die Halbstarken. Es ist ihr "Paradies", welches sie sich auch schon vor der offiziellen Eröffnung einverleiben. Wie im Hallenbad wird der erwachsene Besitzer eingeschüchtert und zum Diener gemacht. Denn hier gibt es alles, wonach sich die Gruppe sehnt: Rock'n'Roll aus der Jukebox, Alkohol und eine mondäne Einrichtung. Besonders in ihren Unterhaltungen dort zeigt sich die materialistische Ausrichtung der Jugendlichen: ständig geht es um Geld, um den schnellen Erwerb dessen und wie man es in Luxusgütern anlegen kann. Für Freddy hat auch seine Wohnung eine wichtige Bedeutung. Die immer wieder auftauchenden Parallelen zum Verhalten seines verhassten Vaters treten hier besonders zum Vorschein. Der sonst so wilde und unabhängige junge Mann lässt sich hier von seiner Freundin bekochen und spielt heile Familienwelt. Die heimische Wohnung tritt hier als Symbol für Sicherheit und Tradition in den Vordergrund.
Sprache als distinktives Element der Abgrenzung gegen die Erwachsenen
Mit Hilfe einer distinktiven Sprache der Gruppe um Freddy werden deren Abgrenzungsversuche gegenüber der Erwachsenenwelt besonders deutlich. Durchgehend stehen die Halbstarken in deutlicher Opposition zu den Normen und Werten der sozial bestimmenden Generation der 40-60jährigen. Diese wiederum verstehen die Jugendsprache nicht und sind deswegen um so mehr von den plötzlichen Gewaltausbrüchen überrumpelt. Mit Hilfe eines für Außenstehende unverständlichen Codes demonstrieren die Jungen Überlegenheit. Mit verbaler Gewandtheit und Wortschöpfungen schließen sie die Generation ihrer Eltern aus. Die Erwachsenen werden in fast jeder konfliktträchtigen Situation als unterlegen dargestellt. Sie verlieren jeden alltäglichen Kampf, da es ihnen an Tempo und Kraft mangelt, sei es in der Schlange bei der Lottoannahmestelle oder bei der Schlägerei im Schwimmbad. Die elterliche und staatliche Autorität wird von den Jugendlichen durch Witz und Gewalt untergraben. Die Autoren Tressler und Tremper erwecken den Eindruck, die Jugendsprache authentisch wiedergegeben zu haben. Das trägt entscheidend zur Qualität des Films bei.
Schlussbemerkung
Einerseits ist die Umwelt der Jugendlichen in "Die Halbstarken" noch durch die Trümmerwelt West-Berlins geprägt. Andererseits wird das Leben immer mehr von den Errungenschaften des so genannten Wirtschaftswunders bestimmt. Konsumgüter wie wasserdichte Uhren, teure Autos und exklusive Kleidung sind für Freddy und seine Freunde identitätsstiftend. Über den Samstag als einzigen Badetag in der Woche - bis dahin gültige Norm - macht sich Freddy lustig. In der sich entwickelnden Wohlstandsgesellschaft kann man, wann immer man möchte, ein Bad nehmen. Die Eltern Borchert sind Repräsentanten der armen alten Welt mit ihren überkommenen Werten und ihrer ärmlichen Lebensweise. Freddy und Jan, die beiden Söhne, versuchen auszubrechen und ihren Weg in die neue, glitzernde Warenwelt zu finden, die sie überall zu sehen bekommen. Hierbei stoßen sie immer wieder auf die Erwachsenen, die ihren "Erlebnisdrang" (Tressler) und ihre Aggressivität stoppen wollen. Die Halbstarken zeigen sich zunächst als die Sieger in diesem Konflikt. Nur am Ende bleibt die Erwachsenenwelt mit ihren Machtmitteln scheinbar souverän und Freddy und Jan werden festgenommen. Die allerletzte Szene gestaltet sich wiederum als düsterer Ausblick in die Zukunft: Während der Festnahme fährt schon die nächste Halbstarken-Bande lachend auf ihren Motorrädern vorbei.
(Tobias Knubel; gekürzt, ergänzt, Links: MK)