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Von Freud zu Erik H. Erikson

Psychoanalyse und Erziehung?

Ein Wesen, das von seinen Wünschen getrieben wird und das auch noch unbewusst, ist für erzieherische Eingriffe denkbar ungeeignet. Man will ja kein Triebwesen dressieren, sondern ein Kind erziehen... Dieses Problem einer psychoanalytischen Erziehung ist hausgemacht und den Begründern der Psychoanalyse durchaus bekannt, wenn es auch mit einem "noch" oder "vorläufig" verschleiert wird:

"Ein Kind soll Triebbeherrschung lernen. Ihm die Freiheit geben, daß es uneingeschränkt allen seinen Impulsen folgt, ist unmöglich. Die Erziehung hat also ihren Weg zu suchen zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des Versagens. Wenn die Aufgabe nicht überhaupt unlösbar ist, muss ein Optimum für die Erziehung aufzufinden sein, wie sie am meisten leisten und am wenigsten schaden kann. [...] Es wird sich darum handeln zu entscheiden, wieviel man verbieten darf, zu welchen Zeiten und mit welchen Mitteln. [...] Die nächste Erwägung lehrt, dass die Erziehung bisher ihre Aufgabe sehr schlecht erfüllt und den Kindern großen Schaden zugefügt hat."
Sigmund Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1933. In: Gesammelte Werke Band XV. S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1965, S. 161

Seine Tochter formuliert ähnlich:

"Die Aufgabe einer [...] psychoanalytischen Pädagogik sei es nun, einen Mittelweg zwischen den Extremen zu finden, das heißt, für jede Alterstufe des Kindes die richtige Mischung zwischen Gewähren von Befriedigung und Triebeinschränkung anzugeben. Vielleicht hätte die ausführliche Schilderung dieser neuen pädagogisch analytischen Vorschriften den eigentlichen Inhalt meiner Mitteilungen an Sie ausmachen sollen. Diese [psycho-]analytische Pädagogik gibt es aber vorläufig noch nicht."
Anna Freud: Die Erziehung des Kleinkindes vom psychoanalytischen Standpunkt aus. 1934. Hier zit. aus: Die Schriften der Anna Freud in 10 Bänden. Frankfurt am Main. Fischer Verlag, S. 132f

Auf Hochschulniveau stellt Ole Peter Jagdt in seiner Arbeit über Anna Freud einen Ausweg aus dieser pädagogischen Zwickmühle dar:

"Anna Freud stellt schließlich die Frage, was passieren würde, wenn wir die Kinder nicht erziehen würden und ob hierdurch ihre kindlichen Fähigkeiten erhalten bleiben könnten. Sie muss diese Frage aber aufgrund von fehlenden Erfahrungen unbeantwortet lassen". (pdf, S. 38)

Zu bemerken ist, dass Anna Freud hier eine Aufwertung der kindlichen Psyche vornimmt: Diese Psyche ist nicht mehr der Hort von Primärvorgängen mit oralen, analen und genitalen Trieben, nichts mehr von sadistischer Libido und anderen Monstrositäten, sondern Kinder werden als "aufgeweckt" und "begabt" angesehen (ebenda).

Dieser blinde Fleck der Psychoanalyse ...

... bei der Erziehung entsteht durch die Orientierung an der aktiven und gleichzeitig unbewussten Kraft des Es (ausführlich kritisiert hier in der Schlussbemerkung zum psychischen Apparat). Was da fällig war, um eine psychoanalytische Pädagogik zu kreieren, war eine Wende zu Ich, anders gesagt eine Abwendung vom Es. Diese Wende zum Ich hat allerdings nicht nur Anna Freud gemacht. Andere Autoren waren viel bedeutender, etwa um 1920 August Aichhorn, Siegfried Bernfeld 1925 mit der Schrift "Sisyphos" oder 1930 bis 1950 Heinz Hartmann. Als pädagogisch gilt da nicht mehr der Weg "zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des Versagens", also der Weg zwischen Ich und Es, wo dann doch kein Psychoanalytiker wusste, wie dieser Weg verlaufen könnte, sondern die Erziehung des Ich - vom Es ist nicht oder kaum noch die Rede.

Nichts davon in den einschlägigen dicken Büchern von Phoenix und Cornelsen. Bis zu den Herrschaften, die (in NRW) fürs Zentralabitur zuständig sind, scheint das alles auch noch nicht vorgedrungen zu sein. Statt dessen wird da ein gewisser Erikson favorisiert (der sich vielfach auf Hartmann beruft).

1946: Eriksons Wende zum Ich

Erikson hat sich schon vor seinen Hauptwerken, die aus den 50er Jahren stammen, mit klaren und z.T. geradezu spöttischen Formulierungen von der klassischen Psychoanalyse abgewandt, auch wenn er sich immer als Psychoanalytiker bezeichnete. Unübersehbar ist 1946 seine Abwendung vom Modell des psychischen Apparates und sein kritischer Bezug auf die amerikanische Gesellschaft (kursiv im Original), bemerkenswert auch seine Kritik einer Therapie und Erziehung, die aufs bloße Funktionieren hinauswill. Zu alldem hier eine längere Passage aus Erikson: Ich-Entwicklung und geschichtlicher Wandel; 1946. Hier zit. nach: Erikson, Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp TB 61980, S. 49 - 52.

"Natürlich ist das Ich älter als alle Apparate. Wenn wir in ihm eine Tendenz entdecken, sich zu mechanisieren und gerade diejenigen Gefühle abzustoßen, ohne die alles Erleben verarmt, befinden wir uns wohl in der Tat in einem historischen Dilemma. Wir stehen heute vor der Frage, ob die Probleme des Maschinenzeitalters durch die Mechanisierung des Menschen oder durch die Humanisierung der Industrie gelöst werden sollen. Unsere Erziehungsmethoden haben schon begonnen, den modernen Menschen zu standardisieren, so dass er vielleicht einmal ein zuverlässiger Mechanismus wird, der sich der ausbeutenden Maschinenwelt 'anpassen' kann. Tatsächlich scheinen gewisse moderne Richtungen der Kindererziehung eine magische Identifizierung mit der Maschine anzustreben, analog der Identifizierung primitiver Stämme mit ihrer wichtigsten Beute. Zugleich aber versucht der moderne Geist, der schon das Produkt einer ganz auf Mechanisierung eingestellten Zivilisation ist, sich selbst zu verstehen, indem er nach 'geistigen Mechanismen' forscht. Wenn also das Ich selbst nach mechanischer Anpassung zu schreien scheint, sollten wir vielleicht weniger vom eigentlichen Wesen des Ichs handeln [= schreiben, darüber nachdenken; MK] als von einer seiner zeitgebundenen Anpassungen wie auch von unserer eigenen mechanistischen Methode, es zu erkennen.
      Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht ganz überflüssig, auf die Tatsache hinzuweisen, dass der übliche Gebrauch des Wortes 'Ich' natürlich wenig zu tun hat mit dem psychoanalytischen Ich-Begriff. Im üblichen Gebrauch bedeutet 'Ich' oft das berechtigte oder unberechtigte Selbstgefühl des Individuums. Im Kielwasser therapeutischer Kurzmethoden kann man aber erleben, dass diese Bedeutungen sogar in Fachdiskussionen nicht auseinandergehalten werden.
      Bolstering, bantering und boisterousness - moralische Ich-Stützung ('polstern'), gutmütiges Hänseln und lautstarke Jovialität - und andere 'ich-aufblähende' Verhaltensweisen gehören natürlich zum amerikanischen Volkscharakter. Das dringt leicht in Sprache und Gestik ein und spielt bei zwischenmenschlichen Beziehungen immer eine Rolle. Ohne sie wäre eine therapeutische Beziehung in Amerika unecht und 'ausländisch'. Was hier erörtert werden soll, ist jedoch die systematische Ausbeutung dieser nationalen Praxis des bolstering zu dem Zwecke, dass die Menschen sich 'wohlfühlen', oder dass ihre Angst und Spannung überspielt werden, damit sie als Patienten, Kunden oder Angestellte besser funktionieren.
      Ein schwaches Ich empfängt durch diese Art Stützung keine substantielle Stärkung. Ein starkes Ich, das durch seine Gruppe in seiner Identität gesichert ist, braucht eine solche künstliche Aufmöbelung nicht und ist sogar immun dagegen. Es hat eher die Tendenz herauszufinden, wie die Wirklichkeit sich anfühlt; zu lernen, was geht; zu verstehen, was notwendig ist; sich am Lebensvollen zu erfreuen und das Kranke abzustoßen. Zugleich hat es die Neigung, sich mit anderen zur gegenseitigen Stärkung in einem Gruppen-Ich zusammenzuschließen, das seinen Willen auf die nächste Generation überträgt.
      [...] Eine wahllose Anwendung der Lehre und Praxis der Ich-Stützung unter Friedensbedingungen wäre jedoch theoretisch nicht vertretbar und therapeutisch falsch. Sie ist darüber hinaus auch soziologisch gefährlich, weil sie impliziert, dass die Ursache der Belastung (z. B. die modernen Lebensbedingungen) ständig außerhalb der Kontrolle durch das Individuum oder die Gesellschaft bleiben - ein Zustand, der eine Revision der Bedingungen, die geeignet sind, das kindliche Ich zu schwächen, auf ewige Zeiten hinausschieben würde. Es ist gefährlich, die für eine solche Revision notwendige Energie abzubiegen. Denn die Kindheit des Amerikaners und andere Manifestationen der spezifisch amerikanischen Geistesfreiheit sind ohnehin nur noch großartige Fragmente, die um die Verschmelzung mit den Fragmenten der industriellen Demokratie ringen.
      Zu dieser Entwicklung kann die Psychoanalyse nur dann einen brauchbaren Beitrag leisten, wenn sie, über die bloße Anpassung ihrer Patienten an bestimmte Bedingungen hinaus, ihre klinische Erfahrung für den humanitären Zweck bereitstellt, die Menschen unserer Zeit zu veranlassen, dass sie sich ihrer potentiellen Möglichkeiten erinnern, die zur Zeit wie durch eine Wolke archaischer Furcht verdunkelt sind."

1950: Eriksons psychosoziales Modell

Zitate und Verweise im folgenden aus: Erik H. Erikson, Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit, 1950. Hier zit. nach: Erikson, Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp TB 61980. Kommentare in Klammern von mir, Formatierung in Kursivschrift von Erikson.

1950 will die US-Regierung wissen, was es mit Kindheit und Jugend in den Staaten so auf sich hat (S. 55), der Krieg ist vorüber, die Weltmachtposition ziemlich unangefochten, der Kalte Krieg in vollem Gange - was macht da eigentlich die Jugend, taugt sie für die ambitionierten Ziele des Staates? Erikson entwickelt für die entsprechende Konferenz sein Konzept einer "gesunden Persönlichkeit" mit den berühmten acht Stufen (S. 55ff). Von seiner Kritik an einer Erziehung und Therapie, die rein auf Brauchbarkeit hinauswill, ohne die Ursachen von Belastungen zu revidieren (siehe die Textpassage oben!), hat er sich verabschiedet.

"Das menschliche Wachstum soll hier unter den Gesichtspunkt der inneren und äußeren Konflikte dargestellt werden, welche die gesunde Persönlichkeit durchzustehen hat (!) und aus denen sie immer wieder mit einem gestärkten Gefühl innerer Einheit, einem Zuwachs an Urteilskraft und der eigenen Fähigkeit hervorgeht, ihre Sache 'gut zu machen', und zwar gemäß den Standards (!) derjenigen Umwelt, die für diesen Menschen bedeutsam ist." (S. 56)
"... Definition ..., wonach die gesunde Persönlichkeit ihre Umwelt aktiv meistert, eine gewisse Einheitlichkeit zeigt und imstande ist, die Welt und sich selbst richtig zu erkennen." (S. 57)

Dass da eine "Umwelt" durchaus Zwang zur Anpassung, zum Funktionieren, ausübt - und nicht etwa umgekehrt Menschen sich ihre Umwelt schaffen, ist für Erikson in diesem Gutachten von 1950 für das Weiße Haus schlicht der Ausgangspunkt. Wann erkennt man die Welt und sich selbst "richtig"? Wenn man die Zwänge, die Politik und Wirtschaft ausüben, als "Standards" akzeptiert. Das sieht dann in der Freizeit vielleicht so aus wie auf dem Photo oben; man beachte die Krawatte! Mehr gibt es übrigens von Erikson nicht zum Begriff der "gesunden Persönlichkeit"; es ist einfach ein anderer Ausdruck für das, was Erikson Ich-Identität nennt. - Erikson sah 1946 durchaus noch, dass es in den USA bei der Entwicklung einer "gesunden Persönlichkeit", also einer "Ich-Identität", Härten gibt, siehe oben. Jetzt, 1950, ist Erikson eher ein Befürworter der Enkulturation, von einer Warnung vor dem schlichten gesellschaftlichen "Funktionieren" und vor "bloßer Anpassung" (siehe oben) ist nichts mehr zu lesen.

Das Stufenmodell

Hier soll nicht noch einmal oder weiteres Material zum Auswendiglernen geboten werden, sondern einige Hinweise zum Begreifen.

  1. Wieso entwickelt man sich - laut Erikson? "Man kann sagen, dass die Persönlichkeit in Abschnitten wächst, die durch die Bereitschaft des menschlichen Organismus vorherbestimmt sind, einen sich ausweitenden sozialen Horizont bewusst wahrzunehmen und handelnd zu erleben; einen Horizont, der mit dem nebelhaften Bild einer Mutter anfängt und mit der Menschheit endet - oder doch mit jenem Ausschnitt der Menschheit, der für das spezielle Leben dieses Menschen zählt." (S. 58)
  2. Die acht Stufen in Eriksons Modell ergeben immer wieder neu die sich entfaltende (um einmal ein anderes Wort als immer nur "epigenetisch" zu benutzen) Persönlichkeit; diese Persönlichkeit ist "gesund", wenn die positive Komponente der jeweiligen Stufe überwiegt, d.h. in einer kritischen Phase ("Krise") erworben, also stabil angeeignet wird: Urvertrauen, Autonomie, Initiative, Eifer ("Werksinn"), Ich-Identität ...
  3. "Was das Kind in den einzelnen Phasen erwirbt, ist ein relatives Gleichgewicht zwischen positiv und negativ; wenn die Waagschale sich mehr zum Positiven neigt, sind die Chancen für eine Überwindung späterer Krisen und eine unbehinderte Gesamtentwicklung günstiger. Die Vorstellung, es werde auf irgendeiner Stufe ein Zustand erreicht, der für neue Konflikte von innen und Änderungen von außen unangreifbar sei, ist eine Projektion jener Erfolgsideologie auf das Kind, die unsere privaten und öffentlichen Tagträume auf gefährliche Weise durchtränkt und uns unfähig machen kann für den immer schwerer werdenden Kampf um eine sinnvolle Existenz in unserer Zeit." (S. 69, Fußnote)
  4. Eine Persönlichkeitskomponente wie Urvertrauen oder Eifer ("Werksinn"; im Original: "industry") wird in der nachfolgenden Phase nicht überflüssig: "Tatsächlich gehen alle diese Kriterien, wenn sie sich in der Kindheit entwickeln und im Jugendalter integriert werden, in der Gesamtpersönlichkeit auf." (S. 62)
  5. Ein Übergang zur Rollentheorie: "Der Leser wird bemerkt haben, dass unser Begriff der Identität sich weitgehend mit dem deckt, was verschiedene Autoren das »Selbst« nennen. George H. Mead spricht von »selft-concept« [...]." (Erikson, Das Problem der Ich-Identität, 1956, a.a.O., S. 188)
  6. Na und dann hier doch noch eine kleine Hilfe.

1959: Erikson und Rock'n'Roll

Dass jemand irgendwann die neuen Zeiten nicht mehr so recht versteht, sollte man niemandem vorwerfen. Es ist aber doch nett zu sehen, wie Erikson die aufkommende Munterkeit der Highschool-Jugend mit ziemlicher Befremdung registiert: Jazz-Bands! Bisexuelle Diffusion! Tanzexzesse!. Es geht um die Beat-Generation (hier noch ein Link ziemlich dicht am Original) und natürlich um Rock 'n' Roll. Man lese Jack Keruac: Unterwegs. Die Irritation drückt sich auch im Layout aus: Erikson schafft da eine der längsten Fußnoten der Welt (runde Klammern im Original, eckige von mir). Siehe dazu auch hier die Seite zum Film "Die Halbstarken" von 1956 und die Seite zu jugendlichen Subkulturen.

"Was aber die implizite Ideologie der amerikanischen Jugend (dieser am meisten technisierten Jugend der Welt) eigentlich sei, ist eine schicksalsträchtige Frage, die wir hier nicht leichtfertig zu lösen versuchen wollen. Noch weniger dürfte man es wagen, flüchtig die Veränderungen zu beurteilen, die in dieser Ideologie und ihren heimlichen Implikationen gerade jetzt vor sich gehen, infolge einer politischen Lage, die eine militärische Identität [wohl eine Anspielung auf den Kalten Krieg; MK] zu einem notwendigen Bestandteil des jungen Erwachsenen in diesem Lande macht. Es ist leichter, die bösartige Wendung zur negativen Gruppen-Identität zu verstehen, die bei einem Teil der amerikanischen Großstadtjugend beobachtet wird, wo wirtschaftliche, ethnische und religiöse Grenzsituationen keine ausreichenden Grundlagen für eine positive Identität bieten. Die jungen Menschen suchen dann negative Gruppenidentitäten in spontanen Cliquenbildungen, die von Nachbarschafts- und Jazz-Banden [hier war die Übersetzerin 1966 wohl überfordert; gemeint sind Jazz-Bands; MK] bis zu Rauschgiftringen, Homosexuellenzirkeln und Verbrechergangs führen. Zu diesem Problem kann der Psychoanalytiker aus seiner klinischen Erfahrung einiges beitragen. 21 [Hier beginnt eine der wohl längsten Fußnoten der Welt: drei Seiten; und die Fußnote hat es in sich; hier gekürzt; MK]
      21[...] Die Delinquenz rettet manchen jungen Menschen vor der Zeitdiffusion. Alle Zukunftspläne mit den dazugehörigen Entscheidungen und Unsicherheiten werden von den kurzfristigen Zielen überrannt, die dem Bedürfnis dienen, 'jemand zu sein', 'etwas anzustellen' oder irgendwo 'mitzumachen'. Daraus folgt natürlich auch eine Vereinfachung der sozialen Verhaltensweisen und eine primitivere Form des Trieblebens. Auch der peinigenden Selbstbeobachtung in der Identitäts-Bewusstheit entgeht der Delinquente; jedenfalls ist sie völlig hinter der Identifizierung mit der Verbrecherrolle verborgen, die dem Richter und Gutachter wie eine Fassade entgegengehalten wird. Mit diesem äußeren Anschein einer endgültig getroffenen Wahl leugnet der Delinquente jede Gefühlsregung und lässt Empfindungen von Scham oder Schuld nicht aufkommen. Die Arbeitshemmung, die qualvolle Unfähigkeit, irgendwelche Lust bei der Beschäftigung mit Werkzeug und Werkstoffen oder aus der Zusammenarbeit mit anderen zu gewinnen, wird in der Delinquenz ebenfalls an den Rand geschoben. Die Leistung ist in jeder Kultur das Rückgrat der Identitätsbildung. Bei den jugendlichen Delinquenten, die oft aus Familienmilieus stammen, denen ein sinnvolles Arbeitserlebnis versagt ist, kommt es statt dessen zu der perversen Befriedigung darüber, etwas gründlich Destruktives geleistet, 'ein Ding gedreht' zu haben. Die Aburteilung einer solchen Tat als Verbrechen besiegelt dann die negative Identität des Jugendlichen als Krimineller ein für allemal. Das enthebt ihn auch der Notwendigkeit, noch weiter nach einer 'guten' Identität zu suchen (Erikson und Erikson, 1957). Ferner rettet die Delinquenz manchen Jugendlichen vor der bisexuellen Diffusion. Die Überbetonung der phallisch-sadistischen Rolle beim Jungen, die leichtsinnige, liebeleere Promiskuität beim Mädchen sind oft nur ein Ausweg aus einem Gefühl sexueller Minderwertigkeit oder eine Flucht vor der Verpflichtung zu wahrer Intimität.
      In diesem Zusammenhang muss auf eine für die Gegenwart sehr kennzeichnende Entwicklung hingewiesen werden: Ich meine die Akzentuierung der von der Maschine ermöglichten Lokomotion. Man könnte von einem Geschwindigkeitsrausch unserer Zeit sprechen - der Lust, sich als überaus mächtigen Beweger zu fühlen, wo man in Wirklichkeit bewegt wird von Kräften, die stärker und schneller sind als Menschenkraft. Der zweite Rausch ist das passive Genießen vorüberrasender Bilder, besonders seit das 'drive-in'-Kino erfunden wurde. Dabei wird die unaufhörliche Bewegung nicht nur gesehen, sondern auch mitgefühlt, während der Organismus 'auf vollen Touren läuft'. Da die Jugend ohnehin eine eminent motorische Periode ist, und da während der Adoleszenz in der körperlichen (und geistigen) Bewegung ein großer Teil der sexuellen Spannung abreagiert werden muss, ist das Ungleichgewicht zwischen gesteigerter passiver Stimulierung durch mechanische Apparaturen und verminderter Möglichkeit zu körperlicher Anstrengung wahrscheinlich ein Hauptgrund für solche Straftaten wie Autodiebstahl, Gewaltakte und Tanzexzesse. Was die Autoritätsdiffusion betrifft, so reiht die organisierte Delinquenz den Jugendlichen in eine Gruppe von seinesgleichen mit einer festen Hierarchie ein; zugleich gibt es klar erkennbare Feinde, etwa die anderen Gangs oder die ganze Welt außerhalb des eigenen Gang. Eine Gangsterethik schützt das Mitglied vor dem Gefühl der Diffusion der Ideale. [...]" (Erikson, Das Problem der Ich-Identität, 1959, a.a.O., S. 209 - 211)

© Michael Kraus, Dezember 2010