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Material für den Pädagogikunterricht

Zu Lloyd de Mause: Hört ihr die Kinder weinen. Suhrkamp TB 1982, Original New York 1974

Der psychgenetische Ansatz

De Mause geht von einer "umfassenden Theorie des historischen Wandels aus und machte die Voraussetzung, dass die zentrale Antriebskraft historischen Wandels weder in der Technologie noch in der Ökonomie zu finden ist, sondern in den 'psychogenen' Veränderungen der Persönlichkeits- oder Charakterstruktur, die sich aufgrund der Generationenfolge der Interaktionen zwischen Eltern und Kindern ergeben." (S. 54)

An de Mause' Grundthese sind zwei recht gewagte Gedankenführungen festzuhalten:

  1. Den Lauf der Welt, soweit er nicht Natur ist, erklärt de Mause mit "'psychogenen' Veränderungen der Persönlichkeits- oder Charakterstruktur": Der Wandel hat seinen Grund in der Veränderung. Dies ist eine saubere Tautologie. Und damit da niemand etwas wohlmeinend anders versteht, grenzt de Mause seine Theorie ausdrücklich von einem materiellen Verständnis der menschlichen Geschichte ab: "weder in der Technologie noch in der Ökonomie" sollen Gründe für den "historischen Wandel" liegen.
  2. Und wieso ändern sich nun für de Mause diese "Persönlichkeits- und Charakterstrukturen"? Weil Eltern Kinder bekommen, mit den Kindern umgehen und diese Kinder später als Eltern auch wieder Kinder bekommen. Diese "Generationenfolge" von Eltern-Kinder-Interaktionen bewirkt für de Mause den Wandel der Zeiten: Mama, Papa, Kind bestimmen - und bestimmten schon immer! - den Lauf der Welt. Dies ist der "psychogenetische Ansatz".

Angesichts dieser "psychogenetischen" Sicht auf den Lauf der Welt ist es vielleicht hilfreich, sich klarzumachen, was denn wirklich der Grund für den "historischen Wandel" ist, wieso die Menschheit also eine Geschichte hat. Den Zusammenhang von Denken, sich Zwecke (Ziele) setzen und dafür die Natur bearbeiten - kurz: arbeiten - hat vor längerer Zeit ein gewisser Karl Marx sehr anschaulich aufgewiesen:

"Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss." Karl Marx, Der Arbeitsprozess; in: Das Kapital, Band I, 1867

Kindheitsgeschichte mit Tendenz

Nach dieser Grundthese gibt es eine zweite Besonderheit in de Mause' Buch: Er sieht Geschichte teleologisch, also mit einer Tendenz; die Beziehung Eltern-Kind laufe auf ein positives Ziel zu, nämlich die "immer engeren Beziehungen" (S. 15) zwischen Erwachsenen und Kindern, wobei diese zunehmende Nähe "eine allgemeine Verbesserung der Kinderfürsorge" (ebd.) darstelle, von Kindesmord in der Antike bis zu "Unterstützung" heute (vgl. S. 85).

Diese Teleologie will vom wirklichen Leben der Kinder nichts wissen. Denn tatsächlich haben Kindheit und Erziehung ihre Grundlagen und Gründe, aber keine Tendenz. Wer oder was sollte diese Aufwärtskurve, diese Tendenz auch bewirken? Nach de Mause tut dies das Eltern-Kind-Verhältnis selbst, das angeblich Projektionen und Reaktionen aller Art zurückdrängt. Und wieso? Wegen der Generationenfolge, so der Psychologe - aber diese Tautologie hatten wir schon.

Als Alternative zu de Mause' psychogenetischem Weltbild schaue man z.B. in den Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung und in die Zusammenfasung von Norbert Elias' "Der Prozess der Zivilisation". Kindern geht es nicht einfach immer besser, sondern wenn man da schon pauschale Urteile bevorzugt, dann muss man sagen, dass der Umgang mit Kindern sich mit den gesellschaftlichen Umständen ändert: Krieg und Friede, Armut und Reichtum, 1. und 3. Welt...; dazu kommen nationale Ideologien (God's own country oder Du bist nichts, dein Volk ist alles) und heute z.B. die Erfolgsmoral, dass jeder seines Glückes Schmied sei.

Reaktionen

Der Psychoanalytiker de Mause stellt die Eltern- oder Erwachsenen- (de Mause macht da keinen Unterschied) -Kind-Beziehung in drei Reaktionen, im Prinzip Abwehrmechanismen, vor (das ist der eine Teil, der immer gerne auswendig gelernt wird - leider meist sehr begriffslos):

Unterstütung: Das Leben als Kindergeburtstag

Was auch gerne auswendig gelernt wird, sind die sechs "Formen", in denen de Mause die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung von den finsteren Tiefen mit Mord und Totschlag in der Antike bis zu den lichten Höhen der Gegenwart periodisiert: Kindesmord, Weggabe, Ambivalenz, Intrusion (also etwa der Beginn der "schwarzen" Pädagogik), Sozialisation (also etwa Reformpädagogik), Unterstüzung.

Auf die nach de Mause neueste Phase, die Unterstützung, soll hier noch in besonderer Blick geworfen werden.
Die Unterstützung "beruht auf der Auffassung, dass das Kind besser als seine Eltern weiß, was es in jedem Stadium seines Lebens braucht ... die Eltern versuchen, sich in die Bedürfnisse des Kindes einzufühlen und sie zu erfüllen" (S. 84; gekürzt). De Mause verweist da übrigens (in Fußnote 272, S. 111) auf A. S. Neill, den Pädagogen von Summerhill und Autor des Buches "Antiautoritäre Erziehung". Wenn man de Mause wohl will, dann passt auch das Konzept der Berliner Antipädagogen (KRÄTZÄ) hierhin: "Erziehen ist gemein. [...] Kinder sind Subjekte, selbstbestimmte Lebewesen wie alle Menschen – und zwar von Anfang an."
Es ist sofort zu sehen, dass diese "Unterstützung" schlicht wohlhabende Kinder voraussetzt ("Mami, ich will'n Brumm-Brumm!"). In dieser idealisierten Form stehen dem Kind dann alle möglichen Ressourcen offen, es weiß selbstverständlich, was es will ("Ne, 'n anderes Brumm-Brumm") und die Eltern verhelfen ihm dazu: eine permanente Kinderparty. Schon möglich, dass dies manchmal so abläuft, ansonsten schaue man z.B. auf die Seiten des Deutschen Kinderschutzbundes und nehme zur Kenntnis, dass die Kinderarmut steigt und nicht sinkt, dass der kindliche Freiraum in den Städten kleiner und nicht größer wird, dass Kinder heute einerseits ihre weitergehende Schule selbst wählen, dann aber andererseits durch G8, Lernstanderhebungen, 10er Abschlussprüfung und Zentralabitur gehen müssen - kurz dass Kinder bei den wirklich wichtigen Entscheidungen (Möchtest du Deutscher sein? Gefällt dir der Euro? Soll der Papa mehr verdienen?) gar nicht gefragt werden, sondern sich nur innerhalb der von Staat und Wirtschaft vorgegebenen Notwendigkeiten als kleine Schmiede ihres kleinen Glückes versuchen dürfen. Erwachsene übrigens auch.
Die grundsätzliche Schieflage von de Mause besteht wie bei allen pädagogischen und psychologischen Idealen darin, dass eine Welt jenseits der wirklichen Welt ausgemalt wird und man dann behauptet, "tendenziell" oder "modellhaft" sei einiges daraus heute und hier schon möglich oder gar wirklich.

© Michael Kraus, Januar 2009