Material für den Pädagogikunterricht
Bericht über die Gespräche mit Kindern der Grundschule an der Middelicher Straße, Gelsenkirchen, am 22. März 2004
Zur Vorgeschichte:
Der Besuch ist eine Initiative des Grundkurses Pädagogik 12.2 aus dem Thema "moralische Entwicklung von Kindern nach Piaget" heraus. Piaget ordnet die Entwicklung der Moral von Kindern in seine Theorie der kognitiven und affektiven Entwicklung ein. Er entwickelte seine Theorie aus der Befragung von Kindern, wobei ihn gerade die "falschen" Antworten interessierten (Wird das Wasser mehr, wenn ich es aus einer Wanne in eine schlanke Vase gieße? Werden Erwachsene älter? Ist ein Märchen eine Lüge? Stelle dir vor, ein anderer Junge zerbricht einen Teller ...)
Der Kurs entwarf nach dem Studium der wie üblich etwas sperrigen Theorie eigene Geschichten und Fragen, um den Stand der moralischen Entwicklung der Grundschulkinder herauszubekommen.
Zum organisatorischen Rahmen:
Der Kontakt zur o.g. Grundschule lief über das Angebot einer Mitschülerin, deren Mutter dort unterrichtet. Die gesamte Planung und der Ablauf des Vormittages verliefen, was die Grundschule an der Middelicher Straße bestrifft, nicht nur völlig unkompliziert, sondern Frau A. und Frau H. waren äußerst hilfsbereit und gastfreundlich - weit über die Schulroutine hinaus.
Dagegen war der organisatorische Einstieg des Grundkurses Pädagogik zunächst dem Scheitern nahe, weil zum verabredeten Zeitpunkt nur fünf von zwanzig Schülern anwesend waren, der Rest hatte bei der Planung nicht richtig zugehört, was Ort und Zeit anging. Bis auf zwei Schüler kamen dann nach und nach die übrigen ...
Zur Atmosphäre bei den Gesprächen:
Alle Kinder waren informiert und positiv gespannt. Die Kinder der 1. Klasse benahmen sich sehr munter, waren neugierig und gesprächsbereit. Die Kinder der 3. Klasse waren z.T. zurückhaltend, weil sie die Antworten auf die vermutete moralische Korrektheit hin abwogen. Die Kinder der 2. Klasse nahmen eine Mittelstellung ein.
Die Geschichten und Fragen des Grundkurses Pädagogik:
- Ein Kind hat einen neuen Füller zum Geburtstag bekommen. Es findet ihn sehr schön und zeigt ihn dir, aber du darfst nicht damit schreiben, weil das andere Kind das nicht will. Als das Kind nicht hinguckt, nimmst du dir den Füller und schreibst damit. Dabei machst du ihn aber kaputt.- Was machst du? Sagst du dem Kind, dass du den Füller kaputt gemacht hast? Oder legst du ihn einfach zurück und tust, als wäre nichts geschehen? Was würdest du machen, wenn du den Füller hättest und jemand würde ihn dir kaputtmachen?
- Stell dir vor, es hat zu Pause geklingelt und alle Kinder sind schon draußen auf dem Schulhof. Du siehst aber noch einen Mitschüler, der Geld aus der Tasche von einem anderen Mitschüler klaut. Als er dich sieht, bittet er dich, dass du ihn nicht verrätst.Nach der Pause bemerkt der beklaute Schüler, dass ihm Geld fehlt, und meldet dies der Lehrerin. Daraufhin fragt die Lehrerin, ob jemand etwas gesehen hätte. - Was würdest du tun? Würdest du der Lehrerin sagen, dass du es gesehen hast oder nicht? Hast du auch schon einmal so etwas erlebt? Wenn ja, wie ist es verlaufen?
- Einmal, in einer anderen Schule, kam mitten im Schuljahr ein neuer Schüler in die 2.Klasse. In der Pause stand erallein auf dem Schulhof und schaute den anderen Kindern beim Spielen zu. Sie haben gemerkt, dass er ihnen zuschaut. - Was würdet ich tun, wenn ihr bemerkt, dass er euch beim Spielen zuschaut? Ein Lehrer geht auf die spielenden Kinder zu und bittet sie, den neuen Schüler mitspielen zu lassen. - Was, meint ihr, haben die Kinder geantwortet? Was würdet ihr tun?
[1. Gruppe: Beide Teile der Geschichte, dann alle Fragen; 2. Gruppe: die Fragen jeweils nach beiden Teilen der Geschichte.] - Stell dir vor, ein Junge/Mädchen in deinem Alter schreibt eine Fünf im Diktat. - Hättest du Angst vor Ärger? Wie würdest du reagieren?
- Stell dir vor, ein Junge/Mädchen zerbricht beim Ballspielen im Haus die Lieblingsvase der Mutter. - Wenn du das gewesen wärest, wie würdest du reagieren?
- Stell dir vor, du konntest wegen einer Familienfeierkeine Hausaufgaben machen. Deine Mutter sagt dir dann, dass du diese morgen abschreiben sollst, weil die Familiewichtiger ist. Jetzt stell dir vor, dass du am nächsten Tag die Hausaufgaben abschreiben würdest, aber dass dich dann dein Lehrer erwischt. Der nimmt deine Entschuldigung nicht an und sagt, dass du dir zu Hause dafür Zeit nehmen sollst. Stell dir vor, dass du wider in diese Situation kommen würdest. - Wie würdest du reagieren?
- Stell dir vor, dass eine neue Schülerin in die Schule kommt. Sie ist Türkin und trägt ein Kopftuch. Die Lehrer sind damit einverstanden. Ein Junge/Mädchen erzählt das den Eltern. Die eltern verstehen nicht, warum das Mädchen ein Kopftuch trägt. Stell dir vor, du wärst dieser Junge/dieses Mädchen. - Wie würdest du reagieren?
- Stell dir vor, du bekommst fünf Euro von deiner Mutter und sollst Brötchen holen gehen. Auf dem Weg kommst du an einem Spielwarenladen vorbei, wo es die neuen Yogioh-Spielkarten gibt. - Würdest du eher die Karten kaufen oder die Brötchen?
- Stell dir vor, deine Mutter gibt dir fünf Euro. Die verlierst du aus Versehen beim Spielen. - Würdest du das deiner Mutter sagen?
- Stell dir vor, dass eine ältere Freundin etwas in einem Laden klaut. - Würdest du sie verpetzen?
- Ein Mädchen kriegt zwei Eintrittskarten für (z.B.) Tabaluga geschenkt. Sie darf also noch eine Freundin mitnehmen. Da sie aber zwei beste Freundinnen hat, muss sie sich für eine von beiden entscheiden. Es fällt ihr nicht leicht, da sie keine von ihnen verletzten will, indem sie eine auswählt und die andere zu Hause bleiben muss. - Stell dir vor, du würdets in so eine Situation kommen. Was würdest du machen?
- Stell dir vor, dass du siehst, wie ein Junge einem Mädchen an den Haaren zieht. - Würdest du dem Mädchen helfen? Würdest du weggucken? Was würdest du tun?
- Stell dir vor, dass dich ein Junge haut. Deine Eltern sagen dir, dass su zurückschlagen sollst. Aber dein Lehrer möchte das nicht, er sagt, dass es falsch ist. - Würdest du zurückschlagen? Was würdest du tun?
- Stell dir vor, dass du einen Freund namens Jan / eine Freundin namens Janine hats und es macht dir Spaß, mit ihn/ihr zu spielen.Deine Eltern verbieten dir aber, mit ihm/ihr zu spielen. - Würdest du trotzdem mit ihm/ihr spielen? Hast du so etwas schon einmal erlebt? Was ist dann passiert?
- Peter spielt im Sportunterricht mit einem neuen Volleyball und seine Freundin Anja nimmt ihm den Ball weg. Peter fängt an zu weinen. Deshalb kommt Rebecca gerannt und sagt zu Anja, dass sie Peter den Ball zurückgeben soll und dass das gemein war. - Ist das Verhalten von Rebecca richtig? Ist das Verhalten von Anja richtig? Hättest du genauso wie Rebecca gehandelt? [jeweils: warum] Warst du schon auch einmal in so einer Situation?
Die zentralen Fragen
... hat eine Team so formuliert: Welche Kinder lösen sich vom kindlichen Egozentrismus (eigene Situation ↔ Situation eines anderen Kindes)? Nehmen diese Kinder schon wahr, dass es Normen gibt und Konflikte wegen widersprüchlicher Normen?
- Die Auswertung und theoretische Einordnung:
- Die Kinder der 1. Klasse haben dann ein schlechtes Gewissen, wenn das Verbotene herauskommt, wenn es Ärger gibt. Es herrscht Unklarheit darüber, dass überhaupt Normen vorgegeben sind; darüber - sagen sie - haben sie sich noch keine Gedanken gemacht. Was verboten und was erlaubt ist, wird demnach durch einen "Korridor" von Lob und Strafe geregelt. Im Zweifelsfall gelten die Anordnungen (Normen) der Eltern. Normenkonflikte werden nicht wahrgenommen, die Geschichten werden z.T. egozentrisch bewertet: Konflikte fremder Kinder können sie sich nicht vorstellen.
- Die Kinder der 2. Klasse betrachten Normen ähnlich wie die Kiner der 1. Klasse, im Konfliktfall herrscht Ratlosigkeit. Aber: Normen werden als selbstverständlich und als allgemein gültig ausgesprochen, d.h. es gilt nicht nur, was Mama und Papa mit Lob und Strafe festlegen.
- Die Kinder der 3. Klasse sind auffallend vorsichtig mit ihren Antworten und versuchen in einem vermutet-erwarteten Sinne zu antworten. Aber Freundschaft gilt ihnen nicht als überragender, sondern als vorübergehender Wert.