Material für den Deutschunterricht
Interpretation von Franz Kafka: Der Nachbar
(in: Texte, Themen und Strukturen, Cornelsen 1999, S. 32)
In diesem Prosastück Kafkas von 1917 geht es um einen jungen Kaufmann, der davon erzählt, wie seine bislang vorherrschende Selbstsicherheit dadurch zerstört wird, dass neben seinem Büro ein Konkurrent einzieht.
Man kann den Text in vier Sinnabschnitte gliedern: Zu Beginn breitet der in der Ich-Form erzählende Kaufmann seine auf Erfolg beruhende Selbstsicherheit aus: "Meine Geschäfte ruhen ganz auf meinen Schultern" (Z. 1f) und "die Geschäfte rollen vor mir her" (Z. 8). Er präsentiert sich als der Schmied seines Glückes, zählt die Einrichtung und das Personal auf - wobei man schon bemerken kann, dass hier jemand zwar seinen Erfolg herausstreicht, dass dieser Erfolg aber in der Substanz doch etwas dürftig ist; es handelt sich um einen kleinen Betrieb, bestehend aus "zwei Fräulein mit Schreibmaschinen" (Z. 2), zwei Zimmern. Der Erzähler gibt die Dürftigkeit des Unternehmens sogar zu: "So einfach zu überblicken" (Z. 6f); und in der rhetorischen Wiederholung "Ich klage nicht, ich klage nicht" (Z. 9f) lässt sich schon erkennen, dass hier jemand, indem er die knapp darstellende Sprache verlässt, sich selbst Mut macht - es gibt offenbar Grund zu klagen, man will es aber nicht wahrhaben.
Im zweiten Sinnabschnitt (Z. 10 - 33) erzählt der junge Geschäftsmann nun von dem "Nachbarn" , um den es ja gemäß der Überschrift geht. Es ist ein regelrechter Plauderton, ähnlich wie im ersten Abschnitt, in dem der Erzähler hier den Nachbarn schildert: Dieser hat die Nachbarwohnung "frischweg gemietet" (Z. 13), die der Erzähler "ungeschickterweise" (Z. 11f) nicht mit angemietet hat, "aber wozu hätte mir die Küche gedient?" (Z. 17f), fragt er rhetorisch - also den Zuhörer bzw. Leser; und Kafka lässt ihn weiterplaudern: "Nun sitzt dort dieser junge Mann" (Z. 21), sein Name wird gleich zweimal hintereinander genannt: "Harras heißt er [...] 'Harras, Bureau'" (Z. 21 - 23). Es folgt am Ende dieses Sinnabschnittes eine Art wirtschaftliche Einschätzung, die den Schluss zulässt: Dieser Harras gleicht dem Erzähler, es ist sein Alter-Ego. Bei dem Nachbarn handelt es sich um einen "jungen, aufstrebenden Mann" (Z. 28) mit unsicherer wirtschaftlicher Basis, der eine kleine Wohnung ähnlich der seinen gemietet hat und ein "Geschäft ähnlich dem meinigen" (Z. 25f), also dem des Erzählers, betreibt. Dieser Nachbar wird vom Erzähler als Konkurrent gesehen, und er deutet in einem leicht spöttischen Ton, bei dem er in die kompliziert verneinende Sprache der Wirtschaftsjournalisten verfällt, die sich vorsichthalber nicht festlegen, seine Kritik an: "Vor Kreditgewährung könne man nicht geradezu warnen" (Z. 26f) - was also bedeutet, dass da ein Kredit schon mit großer Vorsicht gewährt werden sollte - und man könne "zum Kredit nicht geradezu raten" (Z. 30) - davon sei also eher abzuraten. Ein Unterschied zwischen dem Geschäft des Erzählers und dem von Harras wird allerdings hier durchaus genannt: Harras hat gleich eine Küche mit hinzugemietet (vg. Z. 14f). Mit einer Küche hätte der Erzähler nichts anfangen können, wie er ratlos bekennt, obwohl er unmittelbar vor diesem Bekenntnis einen guten Grund für so eine Küche nennt: "meine zwei Fräulein fühlten sich schon manchmal überlastet" (Z. 16). So ergibt sich ein erster Hinweis, dass in der Konkurrenzsituation zwischen dem Erzähler und Harras der Erzähler nicht in eindeutig positivem Lichte dasteht und Harras, sein Spiegelbild, hier möglicherweise etwas weiter vorausschauend gehandelt hat.
Der dritte Sinnabschnitt (Z. 34 - 43) thematisiert die Begegnungen mit Harras. Dieser huscht dermaßen schnell, also eifrig, am Erzähler vorbei, dass er kaum zu sehen ist. Hier kommt es nun zu den typisch kafkaesken Formulierungen, in denen ein fließender Übergang von realistischer Darstellung zur Schilderung eines Alptraums oder Tagtraums vollzogen wird: Eines Morgens, heißt es zu Beginn eines anderen Textes, wacht ein überarbeiteter Vertreter auf und sieht sich in einen monströsen Käfer verwandelt; oder eines Morgens wird jemand ohne jeden Grund und ohne Aussicht diesen Grund je zu erfahren verhaftet. Im vorliegenden Prosastück sieht der Erzähler seinen Nachbarn, aber "Genau gesehen habe ich ihn noch gar nicht" (Z. 36f), denn wie "der Schwanz einer Ratte" (Z. 39f) verschwindet Harras in seinem Büro. Diesen Tiervergleich halte ich für eine Schlüsselstelle der Erzählung: Hier zeigt sich die äußerste Verachtung des Erzählers, denn 'Ratte' meint wohl auch 1917 einen Überträger von Krankenheiten - die Pest im Mittelalter! -, ein Tier, das menschliche Vorräte zerstört und Menschen mitunter auch angreift. Harras hat es nicht "verdient" (Z. 43), ein Geschäft zu führen, jedenfalls nicht als Nachbar des Erzählers. Warum nicht? Weil er eben ein Konkurrent ist, weil er das gleiche Geschäft betreibt wie der Erzähler und insofern eine Gefahr für ihn ist.
Den restlichen Text sehe ich als einen zusammengehörigen Sinnabschnitt an: Welche Folgen hat das Geschäft des Nachbarn für den Erzähler? Äußerlich geschieht mit einer Ausnahme, auf die ich gleich zu sprechen komme, nichts weiter: Jeder geht seinen Geschäften nach. Alles andere aber, nämlich der Alptraum, dass der Konkurrent sich die Bemühungen des Erzählers zunutze macht und damit dessen Ruin betreibt, ist Angstphantasie, Alptraum des Erzählers. Er spricht jetzt von "elend dünnen Wänden" (Z. 44), nennt den Nachbarn "den Unehrlichen" (Z. 45), seine eigenen Entscheidungen werden "unsicher, meine Stimme zittrig" (Z. 63f). Diese sich immer weiter ausbreitende Unsicherheit stellt Kafka hier am damals neuen Medium des Telefons dar. Dabei formuliert der Erzähler seine Ängste als Fakten: "Harras braucht kein Telefon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht" (Z. 67ff). Nichts davon kann der Erzähler wirklich wissen. Hier findet, wie Kafka es in einer anderen Erzählung nennt, eine Verwandlung statt, eine Auflösung der Persönlichkeit des Erzählers. Diese Auflösung der Persönlichkeit des Erzählers ist aber nicht nur eine Angstphantasie, sondern führt auch zu Verhaltensänderungen. Es geht um Geschäftstelefonate: "Manchmal umtanze ich [...], von Unruhe gestachelt, auf den Fußspitzen den Apparat" (Z. 57ff). Diese Formulierungen erscheinen mir als die zweite Schlüsselstelle dieses Textes. Die Karikatur eines ehedem selbstsicheren jungen Geschäftsmannes zu einem sich vor Angst verrenkenden Menschen passt zu der anderen Karikatur, dass nämlich der konkurrierende Nachbar wie "der Schwanz einer Ratte" (s.o.) an ihm vorbei- und in sein Büro hineingleitet. Im letzten langen Satz lässt Kafka den Erzähler diese Ängste zusammenfassen: Harras hat trotz der buchstäblichen Verrenkungen des Erzählers alle Informationen, die er braucht, um ihm "entgegenzuarbeiten" (Z. 83) - "vielleicht", wie er zweimal sagt (Z. 77 und 82).
Die Frage "Was will der Dichter damit sagen?" ist oft gescholten worden. Zu Recht, wenn damit gemeint war, dass eine Interpretation partout aus jedem literarischen Text eine moralische Botschaft über die rechte Lebensführung von 'uns allen' herausdestillieren soll. Diese moralische Interpretation instrumentalisiert Literatur für außerliterarische Zwecke. Bei Kafka gibt es daneben noch einen anderen problematische Weg der Interpretation: Kafka teile - womöglich 'nur' oder 'immer' - Autobiographisches in seinen Werken mit, seine Texte seien Bebilderungen des Konflikts mit dem Vater, den er in seinem 'Brief an den Vater' als übermächtige Autoritätsfigur darstellt. Nun ist es schon aus allgemeinen Überlegungen fraglich, ob man es sich da nicht etwas zu leicht macht, ob eine solche Interpretation nicht pauschal werden kann, wenn man Kafkas Texte 'immer nur' als Ausdruck seines Vater-Sohn-Konfliktes sehen will. Kafka fuhr Motorad und spielte Tennis, er war ein guter Skifahrer, unternahm lange Wanderungen und ging gerne ins Kino - solange er nicht krank war. Das ist das eine; das andere: Kafka notierte in seinem Tagebuch am 13. Dezember 1914, dass für ihn Schilderungen, die vom Tod handeln und die den Leser rühren, "im geheimen ein Spiel" seien, er sei bei solchen berechnenden Darstellungen "bei viel klarerem Verstand als er", der Leser (Franz Kafka, Briefe 1902 - 1924, hg. von Max Brod; Fischer TB). Was also teilt Kafka hier in "Der Nachbar" mit? Es sind Bekenntnisse eines fiktiven Geschäftsmannes, dem Wahrnehmung und Verhalten aus den bürgerlichen Fugen geraten, der, "um sich Klarheit zu verschaffen" (Z. 66f), sich in Angstphantasien verliert, so dass nichts mehr von seiner anfangs vorgetragenen Selbstsicherheit übrig bleibt. Kafkas Meisterschaft besteht darin, vom Übergang zwischen bürgerlichem Alltag und den Angst- oder Erlösungsträumen der entsprechenden Protagonisten - Makler, Vertreter, Landvermesser - zu erzählen. Die Erzählung "Der Nachbar" kommt sprachlich und zunächst auch inhaltlich so einfach und harmlos daher, so alltäglich eben, dass der Übergang des Ich-Erzählers in die Psychose kaum zu bemerken ist; und nur im Rückblick bemerkt der Leser, dass Kafka hier von vornherein parabolisch das Bild eines geschäftigen Bürgers zeichnet, dessen Persönlichkeit sich unter einem eingebildeten Konkurrenzdruck tendenziell auflöst.
© Michael Kraus, 11/2004