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Material für den Deutschunterricht

Werkimmanente Interpretation von Alfred Lichtenstein: Die Dämmerung

 
1     Die Dämmerung
 
        Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
        Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
        Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
5       Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.
 
        Auf lange Krücken schief herabgebückt
        Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
        Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
        Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.
 
10     An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
        Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
        Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
        Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

aus: Alfred Lichtenstein, Die Dämmerung (Gedichte) , 1913

Werkimmanente Interpretation

Das Gedicht "Die Dämmerung" von Alfred Lichtenstein stellt eine Sammlung trostloser Alltagsszenen dar, die in gleichmütig-distanziertem Ton ausgebreitet werden.

Die drei Strophen zu je vier Zeilen sind im Kreuzreim (abab) gehalten, die einzelnen Zeilen bestehen aus je fünf Jamben, abwechselnd stumpf und klingend. Die Form dieses Gedichtes ist also durchaus konventionell.

In der ersten Strophe spielt ein dicker Junge nicht etwa an einem Teich, sondern "mit" ihm, vielleicht ist das Kind einsam. Die Andeutung einer Personifizierung - der Teich ist gleichwertiger Spielpartner - verstärkt sich im nächsten Bild: "Der Wind hat sich in einem Baum gefangen" ist mehr als die Bäume im Wind, sondern es wirkt schon etwas unglücklich, was hier dem personifizierten Wind widerfahren ist. Den Himmel stellt uns der Sprecher hier als eine Person vom Theater vor, die sich normalerweise schminkt; das würde also heißen, dass das Himmelsblau nicht echt ist - und dieser Person geht es jetzt schlecht, als hätte sie einen Kater ("verbummelt", "bleich") und als sei eben "die Schminke ausgegangen": eine Panne beim Auftritt auf der Bühne.

Sehr unglücklich ist in der zweiten Strophe einerseits das folgende Bild: Zwei Lahme "kriechen auf dem Feld", und zwar "herabgebückt" - und in sehr spöttischem Ton andererseits beschreibt es der Sprecher: "schief" und "schwatzend" sind die beiden Menschen unterwegs. Im folgenden Bild wird ein Dichter "verrückt" und auch hier wird der traurige Inhalt des Bildes aufgehoben durch an sich nicht zur Sache gehörende Details: der Dichter ist blond und er wird auch nur "vielleicht" verrückt. Wie schon vorher wird anschließend eine eigentlich unangenehme Szene, nämlich ein Unfall, durch die Art der Darstellung lächerlich gemacht: Die Verniedlichung "Pferdchen" und "stolpert" in der Beschreibung hebt den Inhalt auf.

In der dritten Strophe stelle ich mir bei dem Bild der fetten Mannes, der am Fenster "klebt", zweierlei vor: Vielleicht steht der Mann stundenlang bewegungslos am Fenster und starrt hinaus, weil er einsam ist, oder vielleicht hat er sich erhängt. Das nächste Bild, dass nämlich ein "Jüngling" ein "weiches Weib besuchen" will, kommt mir wie eine Anspielung auf einen Bordellbesuch vor - aber eben auch bei diesem Bild wird durch die gezierten Ausdrücke die eher trostlose Handlung aufgehoben und verspottet. Der "graue[r] Clown" des vorletzten Bildes erinnert an den verbummelten, bleichen Himmel in der ersten Strophe: missglückte Vorstellung, das Ende von Schönheit, Humor, Leichtigkeit, der Clown ist alt geworden und muss noch einmal seine saure Pflicht tun, indem er die Stiefel anzieht. Am Ende gibt es nur noch die Alltäglichkeit: Geschrei aus dem Kinderwagen, bellende Hunde - mitgeteilt als sinnlose, negative Eindrücke: der Kinderwagen selbst ist es, der "schreit", und die Hunde "fluchen".

Indem der Sprecher dieses trostlose Kaleidoskop als "Dämmerung" bezeichnet, fasst er die Bilder zusammen: Das alles geschieht während der Dämmerung - und er gibt den Bildern eine Tendenz: Zu so etwas hat sich die Welt oder das Leben entwickelt oder vielleicht wird es in diesem Sinn auch noch schlimmer. Der gleichgültige Ton, mit dem der Sprecher hier große und kleine Katastrophen aneinanderreiht, zeigt sich auch im Satzbau: Außer bei dem Vergleich in Z. 5 gibt es nur Hauptsätze mit geradezu eintönigem Satzanfang, eine vielfache Anapher mit "ein". Durch die Aneinanderreihung der Bilder und die Art der Darstellung bekommt diese trostlose Dämmerung etwas Absurdes oder gar Komisches; der Sprecher hat kein Mitleid mit dem dicken Jungen, den zwei Lahmen, dem blonden Dichter, der verunglückten Dame, dem fetten Mann, dem weichen Weib und dem grauen Clown. Kaum hat er sie gesehen, wendet er sich schon wieder ab zum nächsten Bild. Er hält vielleicht das ganze Leben nur für ein verrücktes Theater, unecht und traurig zugleich.

© Michael Kraus, Dezember 2002